Wahrheit oder Lüge – Egal?

Ein Wegweiser in einer entzauberten Welt

Nun ist es also amtlich: Wir leben im postfaktischen Zeitalter. Vermutlich damit auch bald im postdemokratischen. Die Lüge herrscht in der Welt. Wen kümmert das? Vielleicht noch ein paar wahre Philosophen, Naive im besten Sinne des Wortes.

Gewiss gehören Lüge und Manipulation seit ehedem zum politischen „Geschäft“ und sind tägliches Handwerkszeug auf allen Ebenen gesellschaftlichen Lebens. Doch nun scheint es, dass die Verdunkelung des Wahren systematisch Programm geworden ist. Was macht das mit unserer Gesellschaft? Wer ist dafür verantwortlich? Was können wir noch tun?

Platons Höhle im 21. Jahrhundert

Verantwortlich sind wir selbst, ganz einfach. Platon hat uns Menschen schon vor 2.400 Jahren als Gefangene in einer Höhle beschrieben. Angekettet von unseren eigenen Leidenschaften und Schwächen starren wir seit Geburt auf die Höhlenwand und versuchen die Zerrbilder zu deuten, die ein flackerndes Feuer darauf wirft. Doch nichts als wechselnde Schattenspiele werden von den verborgenen Herren der Höhle dort präsentiert.
Die allermeisten verbleiben so in einer Welt von Meinung und Gegenmeinung. Die Trugbilder dienen allenthalben zur gefälligen Selbstbestätigung. Sklaven, die ihre Ketten lieben!
Wer das Spiel nicht mitmacht, Fragen stellt oder gar aussteigt, ist Außenseiter, verkannt, verspottet und verleumdet, bei Bedarf auch vernichtet, kurzum Philosoph.

Philosophen, wörtlich wahre Freunde, Suchende von Wahrheit und Weisheit, sind ganz offenkundig heute nicht in der Mehrheit.
Andernfalls wäre unsere Gesellschaft eine andere. Die Herren der Höhle lachen nur und ziehen weiter ihre Strippen. Und sie arbeiten an der Vervollkommnung ihrer Machenschaften. Was wäre dafür besser geeignet als das Internet? Ein Hoch auf Wissenschaft und Technik und ihre ungezügelte Anwendung, Platons Höhle jetzt zum Quadrat!
Die Trugbilder an der elektronischen Höhlenwand sind nunmehr vervielfacht, die junge Generation saugt sie mit der Muttermilch auf. Die paar lästigen Kritiker dieses „Freiheitsinstruments“ stellen ein Randproblem dar, das sich biologisch früher oder später von selbst erledigt.

Höhle hoch 3 und 4

Jetzt wird ́s wirklich interessant! Die Höhle in der Höhle wird nochmals potenziert, Höhle hoch 3. Wie geht das? Desinformation und Manipulation werden vollautomatisch. Im anglizierten „Neusprech“ (George Orwell) heißt das „Social Bots“. Social Bots sind intelligente Computerprogramme, die sich in unsozialen Medien wie Facebook und Twitter austoben. Nun muss nicht mehr händisch manipuliert werden. Die Roboter ersparen ihren Herren die mühsame Handarbeit. Im US-Wahlkampf 2016 waren ein Viertel (Clinton) bis ein Drittel (Trump) der Unterstützer-Tweets „gefaked“, also künstlich erzeugt – laut Auskunft aus der Höhle.

Höhle hoch 4?
Wollen Sie das wirklich wissen?

Einige von uns werden das vermutlich noch erleben. Man muss sich nur in die Logik der dunklen Seite hineinversetzen. Ihr Ziel heißt Macht, totale Kontrolle über andere. Wie schafft man das? Nun, am besten implantiert man den Leuten einen Chip gleich bei Geburt, natürlich immer zu ihrem Wohl.
Übrigens, glauben Sie nicht einfach, die Herren der Höhle wären mit speziellen Gruppen, z. B. „der Wirtschaft“ oder Institutionen wie „den Banken“, „den Medien“ oder sogar einzelnen Personen gleichzusetzen. Diese sind nur mehr oder minder willfährige, austauschbare Handlanger eines Prinzips. Wer simpel Schwarz/Weiß denkt, ist selbst bereits Opfer des Spiels geworden.

Postdemokratisches Zeitalter?

Nach Platon ist die Demokratie die zweitschlechteste Regierungsform nach der Tyrannis. Platon konnte sich anders als der Kriegsminister Churchill noch Besseres vorstellen, aber das ist momentan kaum Thema. Die Zeichen der Zeit stehen abwärts, auf Despotismus.
Beachtlich ist, mit welcher Geschwindigkeit sich der Verfall vollzieht. Böhmermanns prominenter türkischer Zuseher führt drastisch vor Augen, wie schnell und brutal Egomanie kollektiv werden kann. Leider können wir nicht der „Political Correctness“ entsprechen und hier alle Selfmade-Tyrannen, sei es mit oder ohne demokratisches Deckmäntelchen, aufführen. Es würde den Rahmen sprengen.
Vielleicht ist es jedoch hilfreich, die Ursachen des Niedergangs zu erläutern.
Kurz gesagt begann es dort, wo man Himmel und Erde trennte. Vereint waren diese noch im philosophischen Weltbild der Antike, mit einer beseelten Natur und einem in sie integrierten Menschen. Ab dem Mittelalter hat sich, wieder sehr vereinfacht, die Religion des Himmels bemächtigt, die Philosophie wurde zur gerade noch geduldeten Magd.
Über weite Strecken konnte sich die Religion dann auch das Weltliche einverleiben. Gelegentlich wollte ein Kaiser nicht ganz mitmachen und beanspruchte mindestens noch das Irdische.
Mit der Aufklärung kam es zum endgültigen Bruch. Die verstandesbasierte Wissenschaft reklamierte die Erklärung der Welt für sich. Die Religion rettete sich ins Überirdische; gelegentlich versucht die „aufgeklärte Wissenschaft“ sie sogar ganz totzuschlagen.
Für Philosophie, speziell für Naturphilosophie, ist da gewiss kein Platz. Wo sie sich regt, bekommt sie den Knüppel auf den Kopf. Darin agieren Religion und Wissenschaft überraschend einträchtig.
Sargnagel jeglicher Wahrheitssuche ist schließlich die grassierende Haltung des Relativismus. In ihrer neurotischen Angst vor Absolutem ist sie selbst dogmatisch-absolut. Die sophistischen und nihilistischen Widersacher Sokrates sind zurück: „Walking Dead“! Der Soziologe Max Weber (1864–1920) beschrieb den eingetretenen Zustand treffend als „Entzauberung“ der Welt.

Dieser Zustand impertinenter Ignoranz ist Ursache für die Probleme der heutigen Gesellschaft. Denn die Probleme der Menschheit sind menschengemacht. Das ist übrigens die gute Botschaft.
Vor einer Lösung muss es freilich noch dunkler werden: Streit und Hass unter den Menschen nehmen augenscheinlich zu, es kommt zu Brüchen, Separatismus, vom Großen bis zum Kleinen. Die politische Reaktion
erscheint unausweichlich: Um das entstehende Chaos einzudämmen, müssen die Regierungen diktatorische Züge annehmen. Um Demokratie und Freiheit zu retten, muss man sie letztlich abschaffen. Die Tyrannis siegt also, selbst wenn sie sich anders nennt. Soweit nichts Besonderes, vorhersehbar im Zyklus des geschichtlichen Geschehens.
Jetzt kommt die gute Nachricht.

Der Lichtblick

Platon-LichtblickOb bei „Krieg der Sterne“, „Herr der Ringe“ oder chinesischem Yin-Yang-Symbol: Hell und Dunkel ringen miteinander, bedingen einander. Am Ende siegt aber immer das Licht! Die Dunkelheit, als bloße Abwesenheit
von Licht, besitzt keine eigene Realität. Zumindest soweit wir sie ihr nicht ausdrücklich zubilligen.
Und da kommt die philosophische Ethik ins Spiel, klar und einfach lautet sie: Jeglichen Geist des Separatismus und der Gewalt von sich fernzuhalten, ein Licht des Willens, der Liebe und der Intelligenz auszustrahlen. Das Licht der Weisheit vertreibt alle Schatten. Wie in den Dracula-Filmen: Das Vampirhafte stirbt und zerfällt im Licht zu Staub.
Wie der Philosoph Whitehead (1861–1947) schon sagte: seit Platon nichts Neues. Konkret helfen Platons Sonnen- und Liniengleichnis, den Ausweg aus dem postfaktischen Dschungel aufzuzeigen:

Platon sagt, maßgeblicher als die sinnlich wahrnehmbare Welt ist die intelligible, der Bereich der Ideen. Höchste Ideen sind das Wahre, das Schöne, das Gerechte. Ihnen kommt, anders als den vergänglichen Objekten der Sinneswahrnehmung, ein Sein zu. Über allem schließlich steht die Idee des Guten.

Platons Figur Sokrates verzichtet im Dialog auf eine direkte Definition des Guten. Stattdessen bringt er ein Gleichnis: Das Gute ist wie die Sonne. Ihr Licht erlaubt dem physischen Auge das Sehen, im Geistigen der Seele die Erkenntnis (Wahrheit). Überdies ist die Sonne Lebensgrundlage für alles Nachgeordnete.

Zusammengefasst: Nichts ist höher als das Licht der Erkenntnis und ihre Quelle, das Gute.

Das Liniengleichnis ergänzt das vorangegangene Sonnengleichnis. Es zeichnet eine aufsteigende Linie verschiedener Erkenntnisstufen. Ziel ist das freilich schwierige Erkennen des Guten, für Platon im Übrigen die erforderliche Qualifikation für jegliche politische Führungsverantwortung.
Der untere Abschnitt der Erkenntnis ist „doxa“, das Meinen. Dieser Bereich entspricht der mehr oder minder trügerischen Welt der Sinneswahrnehmung. Seine Erkenntnismöglichkeiten sind begrenzt.
Darüber und mit höherem Wahrheitsgehalt steht die geistige Welt, deren Erkenntnisobjekte vollkommen und unveränderlich sind. Ihr niedrigerer Teil, „dianoia“, benötigt noch Begriff und Beweis. Er entspricht dem mathematisch-rationalen Denken.
Gipfel der Erkenntnis ist „noesis“, die Vernunfteinsicht. Sie bedarf keiner Hilfsmittel mehr aus der sinnlichen Anschauung. Sie generiert voraussetzungslos das höchste Wissen und entspricht dem Guten im Sonnengleichnis. Auf gleiche Weise ist es hernach Grundlage für alle untergeordneten Wissensbereiche.

Orientieren in der Höhle

So viel zur Platonischen Erkenntnistheorie. Weisheit ist aber nur jener Teil des Wissens, den wir anwenden in einer unverzichtbaren Praxis.
Praktisch Licht schaffen heißt:

1. Die Mechanismen des Dunklen durchschauen, nicht am Spiel der Meinungen teilnehmen!
Das Dunkle arbeitet mit Tarnung und Täuschung. Beispielsweise befürwortet niemand Krieg, dennoch werden unzählige geführt, gerade auch im Privaten. Alle „verteidigen“ sich bloß, selbstverständlich einer „gerechten“ Sache wegen.
Das zu durchschauende Prinzip lautet: Trennung, Separatismus, Zerstörung von Einheit.
Weiteres Merkmal ist der Drang zum Niederen, also Materielles vor Geistigem.
Die Erscheinungsformen sind dabei mannigfach. Sie reichen von den alltäglichen Verführungen der Lust- und Konsumwelt über „wohlmeinende“ materialistische „Wissenschaftler“, die das unwissende Publikum vor den fürchterlichen Gefahren wie Homöopathie, Astrologie oder Ähnlichem bewahren wollen; um es hernach anderen, tatsächlich milliardenschweren Interessen zuzutreiben; weiter über den politischen Anarchismus, dem jeglicher Idealismus Teufelswerk ist, wiewohl er gar nicht an einen solchen glaubt; schließlich bis hin zu einem ungesunden „Volksempfinden“, das sein Tierisches, korrekter sein Bestialisches elektronisch oder auf der Straße auslebt.
Aggressionen jeglicher Art, anklagen, verklagen, diskreditieren, verleumden, bedrohen und vernichten sind die typischen Mittel der Wahl. Verführungen zu Lust und Gier sind eine nützliche Vorstufe.
Fast hätte ich es vergessen: immer ertragreich – das Geschäft mit der Angst! Bedrohungen, und wenn sie wie die Flüchtlinge in Mecklenburg-Vorpommern nur im Kopf existieren – wecken in vielen schnell die Bestie des Überlebensinstinkts!

2. Der entscheidende und schwierige Teil: Nicht selbst Opfer zu werden!
Die berühmten Kuravas – die Söhne der Finsternis – der indischen Bhagavad Gita lauern nicht außerhalb, sondern in uns selbst! Dies zu erkennen ist der Clou!
Der Ratschlag ist einfach und schwer zugleich: Auf die „Klassiker“ wie Gier, Neid, Hass, Eifersucht, Stolz verzichten.
Alles, was von außen kommt, ist dabei nur ein Test, ich wiederhole: nur eine Probe! Findet es in uns Resonanz? Spielen wir das Spiel der Erregungen mit? Die meisten von uns, das müssen wir anerkennen, straucheln dabei.
Stimmt nicht? Machen Sie einfach die Selbstprüfung: Entstehen Neid und Eifersucht, wenn ich – vermeintlich – Vorteilhaftes bei anderen sehe? Beteilige
ich mich an Tratsch, Herabwürdigungen oder Anfeindungen, sei es gegen Bekannte oder anonym? Wünsche ich anderen Schlechtes? Halte ich mich für besser? Verspüre ich Lust und Gier auf Essen, Sex, Geld, Macht? Möglicherweise die größte Probe ist übrigens die Angst. Denn sie rührt an der ultimativen Probe, dem Tod.
Die Empfehlung lautet also das Gemüt zu beruhigen, egal was kommt. Ist es glatt wie ein See, spiegelt es jegliche Boshaftigkeit auf seinen Verursacher zurück. Wir selbst bleiben unbehelligt. Darin besteht die Magie.

3. Licht verbreiten, Licht sein!
Fangen Sie klein an, aber bewusst. Was heißt es, Licht zu sein? Einfach geben, mit Wille und Intelligenz, also nicht aus Schwäche und nicht zur Schwächung. Hierzu ist ebenfalls Selbstprüfung möglich. Der Maßstab lautet:
Wenn ich tatsächlich liebe, gebe, mich vergesse, so gewinne ich Energie.
Bin ich gierig, eifersüchtig, hasserfüllt, habe Angst oder Selbstmitleid, so verliere ich Energie, und zwar massiv!
So schwierig – und so einfach! – ist es, Licht ins Dunkel zu bringen, vom Hässlichen zum Schönen, vom Ungerechten zum Gerechten, von der Lüge zur Wahrheit zu gelangen. Ich ermuntere Sie: Wagen Sie es! Wagen Sie, weise zu sein!

Dieser Artikel wurde in der Ausgabe 149, Juli 2017 des Magazins Abenteuer Philosophie erstveröffentlicht
Autor: Walter Krejci
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