Menschlichkeit in der Flüchtlingskrise

„Wir haben den Kokon, in dem wir gewohnt haben, immer dicker gesponnen.
Jetzt ist er aufgebrochen und wir blinzeln ins Licht.“

Die „Zeit“, N° 51 vom Dezember 2015 in der Serie „Die Zeiten ändern sich uns“ zum Thema der Flüchtlingskrise

Am 11. September 2015 brach mein persönlicher Kokon auf. Ich war am Weg von Linz nach Deutschland zu einem Abenteuer-Wochenende in der Natur. Davor hatte ich viel über die Flüchtlingsthematik gelesen. Über die fehlenden Quartiere, die Probleme in Traiskirchen, über die humanitäre Katastrophe in Syrien und anderen Kriegsgebieten. Aber als ich an diesem Tag am Bahnhof in Salzburg die Vielzahl an geflohenen Menschen, mit der Hoffnung auf ein Leben ohne Leid und Krieg, sah, wurde meine Perspektive schlagartig geändert.

Ich sah die Flüchtlinge erstmals in einer mir bekannten Umgebung und mir wurde bewusst, dass wir nicht mehr weiter so tun können, als ob wir in einer Parallelwelt leben würden. Als ob uns die Probleme der Welt in Österreich und Europa nicht angingen.

Benefizausstellung mit afghanischen Künstlern, die als Asylwerber nach Österreich gekommen sind,
im Treffpunkt Philosophie - Neue Akropolis Graz

Den Unterschied machte für mich die persönliche Betroffenheit. So bestürzt man über dramatische Medienberichte auch sein kann, erst wenn wir uns selbst als Teil des Themas sehen, sind wir uns des Problems wirklich bewusst. Die darauffolgenden Monate haben mich darin bestätigt, dass die persönliche Betroffenheit und die eigene Auseinandersetzung mit dem Thema auch ein zentraler Schlüssel für die Lösung des Problems ist. Als engagierter Mensch war es mir ein Bedürfnis, mich in irgendeiner Form hilfreich einzubringen. Zunächst half ich privat bei einem Flüchtlingslager am Linzer Bahnhof.

Der direkte Kontakt mit den Flüchtlingen brachte dabei vor allem eines: Verständnis für die geflohenen Menschen. Hätte ich anders reagiert? Wäre ich in einer vom Krieg völlig zerstörten Heimat geblieben? Auch zeigte es mir, dass es nicht ausreicht, bloß eine Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, die die physischen Grundbedürfnisse dieser Menschen abdeckt. Die Wertschätzung und Zuwendung von Mensch zu Mensch, wie auch die Ermöglichung einer sinnvollen Beschäftigung entlang des Tages sind mindestens genauso wichtig.

Spendenaktion für Asylwerber des Vereines GEA
in Kooperation mit dem Treffpunkt Philosophie - Neue Akropolis Linz

Ähnliche Erfahrungen machte ich später auch bei Projekten mit den Vereinen „Treffpunkt Philosophie – Neue Akropolis“ und „GEA – Verein für Aktive Ökologie“. Wir verpackten im Advent Grundnahrungsmittel als Geschenke und übergaben diese Asylwerbern in einem Linzer Flüchtlingsheim. Im Jänner machten wir einen gemeinsam Einsatz am Bahnhof in Linz, zur Unterstützung der Infrastruktur. Natürlich freuten sich die Asylwerber über die Geschenke. Natürlich waren sie froh, um ein warmes Essen. Das alleine ist aber noch keine Begegnung auf menschlicher Ebene.

Der gemeinsame Austausch, das Singen von Weihnachtsliedern, das gemeinsame Lachen war ein erster Schritt in diese Richtung. Ängste vor dem Unbekannten, vor dem ominösen, anonymen Flüchtlingsstrom konnten dabei im direkten Kontakt und Austausch abgebaut werden.

Workshop mit Asylwerbern im Treffpunkt Philosophie - Neue Akropolis Innsbruck

Klarerweise ist die gesamte Situation sehr komplex und vielschichtig und es wird verschiedene Ansätze, individuell, kollektiv und letztlich global, brauchen, um der Situation Herr zu werden. Natürlich hängt es auch vom Willen jener Menschen ab, die nach Europa kommen, wie gut sie sich in unsere Gesellschaft integrieren. Aber unser eigener Beitrag kann damit beginnen, uns als Teil der Welt zu sehen, als Teil der Ursache und der Lösung. Nicht abgeschottet in der Festung Europa.

Dort, wo ein echter Kontakt stattfindet, kann Integration funktionieren. Brechen wir den Kokon eines heilen, isolierten Europas auf. Die aktuellen Entwicklungen werden Europa verändern. Wenn wir uns öffnen und ins Licht blinzeln, können wir die Chance nützen und das neue Europa aktiv mitgestalten.

von Klaus Holzhaider, Obmann des Vereines GEA, www.gea.or.at