Ein Fest der existentiellen Gedanken

Philosophen können professionell denken, analysieren und somit Problemsituationen lösen. Eine Gruppe Interessierter trifft sich wöchentlich und bearbeitet den Sinn des Lebens mit den Händen.

von Danielle Biedebach (Text) und Frederick Sams (Foto)
dieser Artikel wurde am 21.8.2016 in der Zeitung "Neue am Sonntag" (www.neue.at) veröffentlicht >>Original-pdf lesen

Wer fertige Antworten erwartet, ist in der Philosophie nicht richtig. Philosophie bedeutet, alles zu hinterfragen, was man denkt zu wissen. Es ist die Suche nach Antworten auf Fragen, die Aristoteles schon hatte. Was ist also der Sinn des Lebens?

„Wenn ich ein Rezept hätte, würde ich mich schon wieder von der Philosophie entfernen“, sagt Matthias Szalay zunächst vorsichtig. Seine Antwort wird der Sektionsleiter des Vereins „Treffpunkt Philosophie – Neue Akropolis“ jedoch noch präzisieren. Der 30-Jährige ist praktizierender Arzt auf der Palliativstation im Krankenhaus Hohenems und leitet seit 2013 die Dornbirner Zweigstelle der internationalen Non-Profit-Organisation. 

Die Philosophie hat schon früh das Interesse des gebürtigen Kärntners geweckt. Allerdings nicht der theoretische, universitäre Zugang, sondern tatsächlich das Fragen nach dem Sinn des Lebens. „Irgendwann bin ich quasi über eine Veranstaltung des Vereins gestolpert. So hat eines zum anderen geführt“, erzählt er. Und so wird auch die Philosophie im Rahmen des Vereinslebens verstanden. Ein Theoriestudium wird zwar auch betrieben, steht aber letztendlich nicht im Vordergrund. Eher ist es eine Art Weg oder Suche zu sich selbst, um das Leben besser zu verstehen. „Wir verstehen uns auch als eine Schule der praktischen Philosophie. Akademie für philosophische Lebenspraxis, finde ich auch passend“, sagt Szalay. Das Wissen sei heutzutage jedem zugänglich. Via Internet, über Bücher.

Einmal pro Woche treffen sich Mitglieder der Kursgruppen zum gemeinsamen Austausch, Wissen aneignen und praktischen Übungen. Wie etwa Rätselaufgaben, die alleine oder in der Gruppe zu lösen sind. So werden einerseits im Rahmen des Kurses die großen Philosophen und deren Gedankengänge vorgestellt, andererseits gehört auch humanitäres Engagement zum Vereinsleben. Bei Aktionen, welche die Welt ein Stückchen besser machen, sind die praktischen Philosophen gerne mit dabei.
Momentan reicht das Altersspektrum der aktiven Mitglieder von 20 bis 80 Jahre. Die Menschen sind nicht durch äußere Faktoren vereint – wie etwa ein gesellschaftlicher Status oder Ausbildungsgrad. Das, was sie vereint, ist ein empfängliches Herz, ein wacher Geist und eine gehörige Portion Idealismus. Szalay ist von jedem Interessierten beeindruckt, der in einer Zeit, in welcher sich viel um Leistung und Äußerlichkeiten dreht, den Mut hat, anderen Dinge im Leben Raum zu geben.

Praxis im Vordergrund

Am Ende eines jeden Kursabends liegt der Fokus darauf, wie das Gehörte direkt umgesetzt werden kann. Etwa die Anwendungen der Theorien der stoischen Philosophen. „Danach steht jeder aktiv im Leben und verändert die Dinge, die er verändern kann. Alles andere erträgt er tapfer“, erklärt der Leiter. Wer also beispielsweise im Stau steht, der sollte überlegen: Kann ich das verändern? Nein? Also werde ich es ertragen und das Beste daraus machen. „Und an diesem Punkt ist bereits die Veränderung eingetreten. Nämlich die Haltung gegenüber der Stresssituation. Anstatt zu schimpfen kann ich die Gelegenheit des Stillstands nutzen, um mich beispielsweise auf den Tag einzustimmen“, ergänzt er. Ein Stück weit Gelassenheit hat sich also verwirklicht, ebenso wie die Weisheit, dass manche Dinge schlichtweg nicht zu ändern sind.

Und doch ist der Philosoph kein Weiser. Er ist auf dem Weg dorthin. Die Ausbildung ist niemals abgeschlossen. Philosophie heißt übersetzt: die Liebe zur Weisheit. Der Mensch wird wohl niemals an den Punkt gelangen, an dem er sagt: jetzt habe ich das Leben verstanden. „Vielleicht im letzten Augenblick. Im letzten Atemzug. Vielleicht flackert dann so etwas wie Weisheit auf. Vielleicht hat dann der eine oder andere ein wenig vom Leben verstanden“, wagt Szalay zu behaupten.

Mit solchen letzten Momenten kommt der Mediziner nicht selten in Berührung. Philosophie und Beruf gehen dann bei Szalay quasi Hand in Hand. „Unsere Patienten denken viel über Sinnhaftigkeit und Schicksal nach. Ebenso über das Leben, welches sie geführt haben“, erzählt er nachdenklich. Von ihnen lernt er viel. Andererseits kann er wiederum ein wenig zurückgeben. Die

Rahmenbedingungen für solche Gespräche sind auf der Palliativstation geschaffen. Und Szalay nimmt sich die Zeit. „Wenn es nur noch um Tage oder Wochen geht, kann man nicht sagen: Wir reden später“, verdeutlicht der Arzt. Bedauernswert sei, empfindet er, dass es bei vielen Menschen tatsächlich erst einen Schicksalsschlag braucht, um das Leben zu verändern. Dann heißt es plötzlich: Ab morgen mach ich alles anders. Aber Homo sapiens ist nun mal bequem. „Man wechselt ja auch erst die Sitzposition, wenn das Bein schon eingeschlafen ist“, verdeutlicht es Szalay an einem einfachen Beispiel.

Weniger Konflikte

Der Sektionsleiter ist davon überzeugt, dass es weniger Konflikte gebe würde, wenn sich mehr Menschen mit philosophischen Gedankengängen auseinandersetzen würden. In Mitteleuropa, aber auch global. Viele würden dann darauf verzichten, scheinbaren Idealbildern nachzueifern, was sie viel Lebenszeit koste und vielleicht am Ende reue.

Im Bildungssystem hat die Philosophie nur wenig Platz. „Einige Menschen haben sich von den konfessionellen Religionen abgewandt. Die dort verankerten moralischen Ansätze werden heutzutage nur noch wenig bedacht. Das hinterlässt ein gewisses Vakuum“, gibt er zu bedenken. Es wachsen also immer mehr junge Menschen heran, die zwar zum Teil viel wissen, deren Herz aber nur wenig gebildet wurde. Die Verantwortlichen des Vereins wollen diese Lücke zumindest ein wenig schließen.

Abgrenzung zur Religion

Unterschiede zur Religion gibt es dennoch. Philosophie ist das permanente Hinterfragen. Die Lehren geben Denkanstöße und Impulse. Jeder soll dabei mit seinem persönlichen Zugang etwas Individuelles daraus entwickeln.

Religion verfolgt mehr oder minder ein vorgegebenes Schema oder ein gewisses Weltbild. Zwar existiert auch in der Philosophie eine Weltanschauung, diese wird aber ständig hinterfragt und reflektiert. Religion und Philosophie schließen sich demnach nicht aus, sondern ergänzen und bereichern sich gegenseitig. „Ich selber würde mich als religiösen Menschen bezeichnen. Ohne mich einer bestimmten Konfession verpflichtet zu fühlen“, sagt Szalay. Seiner Meinung nach hat Philosophie auch mit Spiritualität zu tun. Denn wer sich intensiv mit dem Leben auseinandersetzt und viele Fragen stellt, der kommt irgendwann an einen Punkt, welcher jenseits des Messbaren, Greifbaren, Wahrnehmbaren liegt und trotzdem real ist. „Vielleicht sogar etwas realer als die vergänglichen Erscheinungen des Alltags.“

Stellt sich noch immer die Frage, was denn nun der Sinn des Lebens ist? „Für mich ist es das Lernen, Entwickeln und Entfalten dessen, was der Mensch von Geburt an in sich trägt. Um es mit anderen zu teilen und der Welt zur Verfügung zu stellen“, präzisiert Szalay letztlich seine Antwort.

das größte Rätsel der Menschheit

Eines Tages gelangen Yudhishthira und seine Brüder auf ihrer Wanderung im Exil zu einem See, der von einem alten Geist bewacht wird. Wer ohne auf die Fragen dieses Geistes zu antworten aus dem See trinkt, dem ist das Wasser vergiftet. Als seine vier Brüder bereits tot am Ufer liegen, willigt Yudhishthira ein, auf die Frage zu antworten. „Was ist das größte Rätsel der Menschheit?“, möchte der Wassergeist wissen. Nach kurzer Überlegung antwortet der Älteste der Brüder: „Das größte Rätsel der Menschheit ist, dass alle Menschen sterblich sind und dennoch so tun, als würden sie ewig leben.“ Beeindruckt von dieser Weisheit hebt der Geist den Zauber auf, und die fünf Brüder können ihre Reise gemeinsam fortsetzen.

(aus dem Mahabharata, einem indischen Epos)