Ein Wunder, dass wir lesen können

Immer mehr Menschen haben Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben. – Kein Wunder. Für die anderen ist es die einfachste Sache der Welt. – Aber trotzdem ein Wunder. Denn das Lesen steckt voller Rätsel und Abenteuer.

Ray Bradbury entwarf bereits in den 50er-Jahren in seinem berühmten Roman „Fahrenheit 451“ eine düstere Zukunft ohne Bücher. Wer Bücher besitzt oder gar liest, wird bestraft und die Bücher werden verbrannt. Nur eine kleine Gruppe von Abtrünnigen erkennt den Ernst der Lage und sucht Zuflucht in der Natur. Jeder behält ein gelesenes Buch im Gedächtnis und bewahrt es damit vor dem Vergessen

Lesen beginnt mit den Augen

Lesen beginnt, zumindest für Menschen die sehen können, mit den Augen. Wir sehen in den Buchstaben keine Symbole der wahrgenommenen Gegenstände, sondern Symbole der hörbaren Laute. Damit kommt auch das Gehör ins Spiel. In gewisser Weise hören wir durch die Augen. Das war nicht immer der Fall. Wie sich der Wandel von der Bilderschrift zur Lautschrift vollzogen hat und in welchem Zeitraum weiß wohl niemand so genau. Allgemein wird die Erfindung der Schrift den Sumerern zugeschrieben. Im Orient also, im südlichen Zweistromland, wurzelt nach Ansicht von Archäologen die Vorgeschichte des Buches.

Jedem Leser ist klar, dass Buchstaben mit dem Sehsinn aufgenommen werden. Das Auge galt bei vielen Gelehrten als wichtigstes Sinnesorgan, durch das wir Wissen aufnehmen können.

Leonardo da Vinci und seine Zeitgenossen sahen den Verstand als kleines Laboratorium. Dort wurden die von den Sinnesorganen übermittelten Reize in Eindrücke umgewandelt und unter dem Einfluss des Herzens, als oberster Lenker des Körpers, in unterschiedliche Fähigkeiten umgesetzt, zum Beispiel in das Gedächtnis.

Doch welche der bis dahin entwickelten Theorien von Empedokles, Epikur, Euklid und Aristoteles bis zum griechischen Arzt Galen gaben Aufschluss darüber, ob der Leser die Buchstaben von der Seite holt oder ob die Buchstaben in unsere Sinne eindringen

Leonardo und die Forscher seiner Epoche fanden Antworten in einem ägyptischen Buch aus dem 11. Jahrhundert, das erst zweihundert Jahre später in einer Übersetzung für die Nachwelt zugänglich war.

Es handelte sich um eine umfangreiche Abhandlung über die Optik, verfasst von Abu Ali al Hasan ibn al Haytham, ein Gelehrter aus Basra, im Abendland als Alhazen bekannt.

 

Aufbau des menschlichen Auges, von oben betrachtet

In seinem Werk folgte er Aristoteles Grundthese, nach der die Seheindrücke durch die Luft ins Auge eintreten, verbunden mit einer aktiven Mitwirkung, die sich aus dem Urteilsvermögen herleitet. Al Haytham führte damit erstmals eine Unterscheidung zwischen einfacher Empfindung und Wahrnehmung ein. Im Akt der Wahrnehmung vom Sehen zum Lesen erkannte er ein bewusstes Verhalten.

Zwei Jahrhunderte nach dem Tod von Al Haytham verfasste der englische Gelehrte Roger Bacon eine korrigierte Zusammenfassung seiner Theorien. Das Sehen stellte für ihn einen aktiven Prozess dar, bei dem ein Abbild des Gegenstandes in das Auge dringt und von der Sehkraft des Auges erfasst wird.

Doch wie wird aus dem Erfassen der Buchstaben ein Lesen mit dem komplexen Prozess, der nicht nur das Sehen und Wahrnehmen beinhaltet, sondern Folgerung, Erinnerung, Erkennen, Wissen, Erfahrung und Praxis? Gelehrte waren sich wohl darin einig, dass für den erfolgreichen Vollzug des Lesens die Koordinierung von bis zu hundert verschiedenen Fertigkeiten verlangt wird.

Damit nicht genug, neben all diesen Fertigkeiten noch weitere Faktoren, die das Lesen beeinflussen: die Zeit, der Ort und auf welche Art der Leseakt vollzogen wird. Somit fließt eine verwirrende Vielfalt von Elementen im Akt des Lesens zusammen. Wie dieser komplexe Vorgang vor sich geht und welche Verbindungen die Elemente miteinander eingehen, waren und sind bis heute ein Rätsel. Al Haytham beschrieb diesen Vorgang mit dem wunderbaren Satz: „Die Aufgabe des Lesenden besteht darin, sichtbar zu machen, was die Schrift nur in Andeutung und Schatten zu benennen weiß.“

Das Rätsel des hüpfenden Blicks

Auch der Startvorgang des Lesens, die Art und Weise wie das Auge den Text mit den Augen erfasst, ist kein fließender Prozess. Wir stellen uns im Allgemeinen vor, dass die Augen ohne Unterbrechung den Zeilen folgen und dass sich die Augen beim Lesen abendländischer Texte von links nach rechts bewegen. Aber so ist es keineswegs. Vor mehr als hundert Jahren entdeckte der französische Augenarzt Émile Javal, dass der Blick wild auf der Seite umherspringt, drei- bis viermal pro Sekunde in einer hohen Geschwindigkeit. Das eigentliche Lesen findet nur in den kurzen Pausen zwischen den Bewegungen statt. Wie es möglich ist, dass unser Sehsinn mit der Kontinuität des Textes auf der Seite verbunden ist und ganze Sätze erfassen kann, unabhängig von den hüpfenden Bewegungen unserer Augen, ist ein weiteres Rätsel.

Lesen und Verarbeitung

Mithilfe der Technik ist es heute möglich, viele Prozesse des Denkens sichtbar zu machen zum Beispiel, wie das Gehirn Reize in Bruchteilen einer Sekunde aufnimmt und zu einem inneren Bild zusammenfasst. Wir wissen, in welchen Gehirnregionen die verschiedenen sprachlichen Aktivitäten stattfinden und dass auch noch viele andere Körperregionen daran beteiligt sind. Wir wissen auch, dass das Gehirn die Sprachfunktion nur dann vollständig ausbilden kann, wenn wir ein konventionelles System visueller Zeichen erlernen. Wir müssen das Lesen lernen.

Doch bevor der erste Schreiber vor Tausenden von Jahren die ersten Buchstaben auf ein Tontäfelchen kritzelte, war die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben bereits im Menschen vorhanden. Die Vorstellung, dass wir lesen können, bevor wir es gelernt haben, entspringt dem platonischen Begriff des Wissens, das bereits in uns existiert, bevor es von außen bestätigt wird. So scheint es auch bei der Entwicklung der Sprache zu sein. Wir entdecken ein Wort oder einen Begriff, weil die Vorstellung von diesem Gegenstand in unserem Bewusstsein vorhanden ist.

Das Lesen erfolgt in zwei Stadien vom Sehen eines Wortes zur Verarbeitung nach bestimmten Regeln. Der Mensch hat diese Regeln und die für die Verarbeitung notwendigen Werkzeuge über Jahrtausende hindurch entwickelt, verändert und angepasst. Das Lesen ist wie viele andere Fertigkeiten unseres Denkens ein lebendiger Prozess mit all den Gefahren und Chancen, die Veränderungen mit sich bringen.

Lesen ist Abenteuer

nicht nur im Kopf, sondern auch in unseren Gefühlen. Ist es nicht unglaublich, wie wir in das Gelesene eintauchen, wie es uns in Bann zieht? Das, was wir lesen, prägt unser Leben, genauso, wie auch wir die Geschichten mitgestalten. Erleben wir doch subjektiv jeden Text ein wenig unterschiedlich. Die unendliche Geschichte von Michael Ende hat dieses Verwobensein zwischen Fantasie und Lebenswirklichkeit perfekt gezeichnet. Seine Botschaft ist, dass es beide Welten braucht, die Fantasie und die Realität, damit sich beide gegenseitig befruchten.

Eine persönliche Entscheidung

Immer hat es Menschen gegeben, die über den Nutzen und die Sinnhaftigkeit neuer Kulturtechniken mehr nachdachten als andere und vor Fehlentwicklungen warnten.
Sokrates zum Beispiel sah in der aufkommenden Schreibkultur in seiner Epoche die Gefahr der Abwendung vom Mündlichen und damit eine Verkümmerung der geistigen Fähigkeiten. Die Erfindung der Schreibmaschine von der mechanischen bis zu elektrischen brachten enorme Erleichterung und Zeitersparnis, aber auch eine Veränderung des Schreibstils mit sich.

Die schwerwiegendste Veränderung dürfte unsere Epoche mit sich bringen. Das Internet, Smartphones und Social Media veränderten innerhalb nur weniger Jahrzehnte die Kommunikation und das Sozialverhalten zwischen den Menschen, leider nicht nur zu ihrem Vorteil. Wir wissen, dass jede neue Technik ihren Preis hat, den wir nur allzu oft ohne eingehende Prüfung hinnehmen. Aber dass sich das menschliche Gehirn und die Denkfähigkeiten so rasant verändern und verkümmern, ist eine junge Erkenntnis, vor der Hirnforscher wie Manfred Spitzer oder Gerald Hüther warnen.

Wir entscheiden, ob wir das Lesen und all die anderen menschlichen Fähigkeiten zum eigenen und zum Wohle aller weiter entwickeln. Wenn wir uns an der Schönheit des Lebendigen orientieren, an den überzeitlichen Werten, die uns in all den wunderbaren Büchern überliefert sind und an den Menschen, die uns Beispiel und Vorbild sind, wenn wir wieder Herz und Verstand in Einklang bringen, dann schreiben wir eine neue Geschichte im Buch des Lebens.

Knsant du das lseen?



Ehct ksras! Gmäeß eneir Sutide eneir Uvinisterät, ist es nchit witihcg, in wlecehr Rneflogheie die Bstachuebn in eneim Wort snid, das ezniige was wcthiig ist, dsas der estre und der leztte Bstabchue an der ritihcegn Pstoiin snid. Der Rset knan ein ttoaelr Bsinöldn sein, tedztorm knan man ihn onhe Pemoblre lseen. Das ist so, wiel wir nciht jeedn Bstachuebn enzelin leesn, snderon das Wrot als gzeans enkreenn. Ehct ksras! Das ghet wicklirh! Und dfüar ghneen wir jrhlaeng in die Slhcue!? Ja, wir messün sher gut lseen knöenn, dmiat wir die gzeann Wetrör erenknen.
Wnen wir algeldirns in enier Fremdsprache lseen, bendsoers wnen wir acuh die Sprache nchit knenen, dnan lseen wir wie Angäfner in der estren Kslase: Bstachube für Bstachube und wir mechan debai vilee Fleher.
Ob es deise Sutide eneir Uvinisterät wicklirh gbit, wieß man nchit. Jaefdnells keirusirt deises Sechibren sochn siet Jraehn im Inrentet und in veilen Malis und jdeer, der es lesit, ist wicklirh bieernkduct. Witihcg ist nur, dsas wir debai gnaz lekcor und enpstannt bilbeen.


Und als asboulte Stgeinerug dsiees heir – dnen es gbit ncoh imemr Petznoial:


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Auf jeedn Flal sheen wir, dsas es wrikiclh ein Wudenr ist, dsas wir lseen knöenn. Veil Sapß ncoh auf den nehcstän Steien.

im Klartext:

Kannst du das lesen?
Echt krass! Gemäß einer Studie einer Universität, ist es nicht wichtig, in welcher Reihenfolge die Buchstaben in einem Wort sind, das einzige was wichtig ist, dass der erste und der letzte Buchstabe an der richtigen Position sind. Der Rest kann ein totaler Blödsinn sein, trotzdem kann man ihn ohne Probleme lesen. Das ist so, weil wir nicht jeden Buchstaben einzeln lesen, sondern das Wort als ganzes erkennen. Echt krass! Das geht wirklich! Und dafür gehen wir jahrelang in die Schule? Ja, wir müssen sehr gut lesen können, damit wir die ganzen Wörter erkennen. Wenn wir allerdings in einer Fremdsprache lesen, besonders wenn wir auch die Sprache nicht kennen, dann lesen wir wie Anfänger in der ersten Klasse: Buchstabe für Buchstabe und wir machen dabei viele Fehler. Ob es diese Studie einer Universität wirklich gibt, weiß man nicht. Jedenfalls kursiert dieses Schreiben schon seit Jahren im Internet und in vielen Mails und jeder, der es liest, ist wirklich beeindruckt. Wichtig ist nur, dass wir dabei ganz locker und entspannt bleiben.

Und als absolute Steigerung dieses hier – denn es gibt noch immer Potenzial:

Diese Mitteilung zeigt dir, zu welchen grossartigen Leistungen unser Gehirn fähig ist! Am Anfang ist es sicher noch schwer, das zu lesen, aber mittlerweile kannst du das wahrscheinlich schon ganz gut lesen, ohne dass es dich wirklich anstrengt. Das leistet dein Gehirn mit seiner abnormen Lernfähigkeit. Beeindruckend, oder? Du darfst das gerne kopieren, wenn du auch andere damit begeistern willst. Das ist wirklich unglaublich. Diese Fähigkeit unseres Gehirns ist auch ein Grund, warum es so schwer ist, Tippfehler zu entdecken. Wir korrigieren beim Lesen alles in unserem Gehirn. Und diese Seite ist wohl die schwierigste von der ganzen Ausgabe für unser Lektorat;-)))

Auf jeden Fall sehen wir, dass es wirklich ein Wunder ist, dass wir lesen können. Viel Spaß noch auf den nächsten Seiten.

„Lesen heißt, sich an etwas annähern, was gerade im Entstehen begriffen ist.“
Italo Calvino (Wenn ein Reisender in einer Winternacht, 1979)

Literaturhinweis
Alberto Manguel - Eine Geschichte des Lesens, rororo

Dieser Artikel von Angelika Kresser erschien erstmals in der Ausgabe Nr. 144/2016 des Magazins Abenteuer Philosophie; mit freundlicher Erlaubnis des Verlags Filosofica; Copyright: Verlag Filosofica, Münzgrabenstraße 103, 8010 Graz; www.abenteuer-philosophie.org