Faszinierend und bedrohlich - das Fremde

Von der ewigen Ambivalenz des Fremden - Das Fremde zieht uns magisch an. Wir reisen in die Fremde, besuchen fremdländische Restaurants, lassen uns von exotischer Kunst und Kultur verzaubern.

Und gleichzeitig ist das Fremde abstoßend, bisweilen bedrohlich. Es bedroht das Eigene. Doch wie notwendig ist das Fremde, um uns überhaupt des Eigenen bewusst zu werden?  

Eine mir unbekannte, steinharte Frucht knallt gegen die Seitenscheibe des Autos. Gerade noch rechtzeitig habe ich sie hochgekurbelt. Ich starre auf das eben geschossene Foto auf dem Digitalfeld meiner Kamera. „Die Frauen hier lassen sich nicht gerne fotografieren“, sagt der indigene Taxifahrer auf Spanisch zu mir, „sie haben Angst, dabei ihre Seele zu verlieren.“ Eben noch war ich stolz auf meinen Schnappschuss aus dem Auto. Nun plagt mich das schlechte Gewissen. Habe ich gerade die Eigenheit einer fremden Kultur nicht respektiert, die Angst und den Glauben einer indigenen Frau missachtet? Es war Unwissenheit, versuche ich mich zu beruhigen. Eine von vielen Erfahrungen in der Fremde, passiert am Marktplatz von Tiwanaku in Bolivien, 3.850 Meter ü. d. M. Ich war fasziniert von der dortigen lebendigen indigenen Kultur. Begierig versuchte ich, das Faszinosum des Fremdartigen mit meiner Kamera einzufangen.

Doch der Fremde war ich. Und ich war mit meiner Kamera eine Bedrohung für die Einheimischen. Von feindseligen Blicken bis zu der nach mir geworfenen Frucht reichten die Abwehrreaktionen. Noch am selben Abend folgte ich einer Einladung. Ich war Gast einer Familie in La Paz. Es wurde aufgekocht, wir scherzten und lachten, ich wurde mit Fragen bestürmt. Ich war der Fremde. Und ich war als Europäer ein Faszinosum, der wahrgewordene Traum von Reichtum, Kultur und Bildung.

Fremd – was ist das?

Der Fremde als Feind und der Fremde als Gastfreund lagen zu allen Zeiten eng beieinander. Fremd war immer wertneutral. Es bedeutet ähnlich dem aus derselben Wurzel stammenden englischen Begriff „from“ so etwas wie „von (weit) weg“. Nur dass man in vormodernen Gesellschaften das Fremde klarer identifizieren konnte als in unserer heutigen globalisierten Welt: In sesshaften Gesellschaften ist der Fremde einfach der, der nicht hier wohnt, in nomadischen Gesellschaften der, der nicht mit uns zieht. Heute wohnt der Fremde nebenan. Und heute trägt der Fremde im entlegensten Teil der Welt die gleichen Jeans, telefoniert mit dem gleichen Smartphone und glotzt dieselben News und Hollywood- Filme. War das Motiv, die Heimat zu verlassen und sich in die Fremde zu begeben, nicht gerade die Ambivalenz des Fremden, gefährlich und faszinierend zugleich? Und bietet der heutige Massentourismus nicht das genaue Gegenteil: austauschbare Flughäfen, austauschbare Hotelburgen mit austauschbaren Buffets? Masse versucht immer, das Fremde zum Verschwinden zu bringen.

Fremd – was tun wir damit?

Grundsätzlich lassen sich vier Arten, in die Fremde zu ziehen und mit dem Fremden umzugehen, unterscheiden: das Xenophagentum, der Exodus, die Odyssee und der Nomadismus. Das Xenophagentum „verspeist“ den Fremden. Man versucht sich das Fremde anzueignen, indem man es durch seine Brille anschaut, auf seine Begriffe zurückführt und in seine Schemen einfügt.
Der Exodus ist die restlose Auslieferung an das Unbekannte. Die absolute Eigenhingabe an das Fremde. Alles Alte wird zurückgelassen. Er ist menschlich nur aushaltbar durch die Sicherheit des Versprechens einer transzendenten Macht wie die göttliche Verheißung eines gelobten Landes.

Die Odyssee ist die Ausfahrt mit Irrungen und Wirrungen, aber mit dem Ziel der Heimkehr – bereichert durch Eroberungen und Erfahrungen. Solange man noch nicht heimgekehrt ist, versucht man Kolonien zu bilden, das Fremde also in etwas Eigenes zu verwandeln. Die Odyssee dient immer der Absicherung von Eigenheit.
Der Nomadismus ist entweder ein bewusstes Umherziehen innerhalb eines Territoriums, wobei man doch immer zu Hause ist, weil man seine Gewohnheiten auch in der Fremde nicht ablegt. Oder man ist Getriebener auf der Flucht vor einer tödlichen Gefahr. Es ist eine Bewegung wie beim Exodus, nur ohne Heilsversprechen.

Wie wir Fremdheit auslöschen

Die dominierende Haltung unserer westlichen Welt ist die Auflösung von
Fremdheit: entweder odysseisch wie beim europäischen Kolonialismus oder amerikanischen Imperialismus, oder xenophagisch, indem wir alles Fremde auf unsere Begriffe zurückführen und in unsere Schemen einfügen. Wir kennen und benützen zwei Formen, die Fremdheit zum Verschwinden zu bringen: Aneignung und Enteignung. Die heutige Form der Globalisierung ist eine systematische und rücksichtslose Form der Aneignung und Enteignung. Wir teilen die Welt in jene, die schon so sind wie wir, und jene, die noch nicht so sind wie wir. Und obwohl wir in unserem politisch korrekten Kulturrelativismus so tun, als ob alle Kulturen gleichwertig wären, zeigt sich unser Überlegenheitsanspruch in der Zwangsbeglückung von allen (noch) anderen.

Unsere Welt ist voll von zwangsbeglückten Demokratien, zwangsbeglückten kapitalistischen Wirtschaftssystemen, zwangsbeglückter Industrialisierung der Landwirtschaft, zwangsbeglückter Chemie-Medizin usw. Will der Fremde bei uns heimisch werden, dann muss er integriert, ja assimiliert werden. Burkhard Liebsch zeigt in seinem Werk „Gastlichkeit und Freiheit“, dass unsere so selbstverständliche und gut gemeinte Forderung nach Integration  und Assimilation dem Sinn der Gastlichkeit widerspricht. Denn Gastlichkeit heißt, den Fremden als Fremden aufzunehmen und nicht als Angeglichenen oder Anzugleichenden. Umgekehrt hat der Fremde natürlich die Werte und das Rechtssystem des Gastlandes zu respektieren. Studien belegen, dass neben dem guten Willen zwei Dinge dazu notwendig sind: Sprache, um sich verständigen zu können, und Höflichkeit, um Respekt und Wertschätzung zu vermitteln. Genau hier liegt allzu oft das Problem: nicht nur bei Migranten, genauso bei Touristen, die zum Beispiel halb nackt in Ländern herumlaufen, wo dies als respektlos gilt.

Warum wir Fremdheit brauchen

Versucht man nun, alle Grenzen aufzulösen und alles anzugleichen, sei es im Zuge einer Menschheitsverrechtlichung oder durch eine ökonomische Globalisierung, dann meint man damit auch, alle Fremdheiten aufzulösen. Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass die Angleichung, der obendrein etwas Totalitäres innewohnt, eine Gegenreaktion provoziert: Entweder werden neue Fremdheiten mit ihren Grenzen erfunden (zum Beispiel Protestbewegungen, neue Lebensformen, die sich dem Mainstream verweigern) oder es werden alte reinstalliert wie zum Beispiel der religiöse Fundamentalismus. Dieser ist nicht nur im Islam festzustellen als Gegenreaktion auf eine Verkonsumisierung und Veroberflächlichung unserer Gesellschaften. Wir müssen also Fremdheit bewusst bestehen lassen und respektieren lernen, um nicht eine künstliche, viel gefährlichere „fundamentalistische“ Fremdheit hervorzubringen. Friedrich Nietzsche sah in dem Bestreben, das Unbekannte auf Bekanntes zurückzuführen, eine spezifische Furcht. Und er sah darin auch eine Grundillusion: nämlich zu meinen, dass das Bekannte leichter zu erkennen sei. „Das Bekannte ist das Gewohnte; und das Gewohnte ist am schwersten zu erkennen, das heißt als Problem zu sehen, das heißt als fremd, als fern, als außer uns zu sehen“, formuliert Nietzsche.

Tatsächlich sind wir am uns Bekannten und Gewohnten so nahe dran, dass wir es gar nicht wahrnehmen. So wie wir einen Lärm oder einen Geruch nicht mehr wahrnehmen, von dem wir ständig umgeben sind. Erst der Andere, dem der Lärm und der Geruch fremd sind, macht uns darauf aufmerksam. Somit brauchen wir das Fremde, um uns des Eigenen überhaupt bewusst zu werden, so wie wir einen Spiegel brauchen, um uns darin sehen zu können. Aus der Fremde können wir erst das Eigene erkennen, sodass wir es dadurch wieder zu schätzen wissen oder ihm kritischer gegenüberstehen. Mit der totalen Auslöschung des Fremden geht auch das Eigene verloren. Verlieren wir das Fremde, dann verlieren wir auch die Heimat. Und da ist noch etwas: Spätestens seit Freud wissen wir, dass wir uns einer fast abgründigen Fremdheit in unserem eigenen Inneren stellen müssen, dem Unter- und Unbewussten. Diese äußern sich in uns mit im Tagesbewusstsein nicht nachvollziehbaren Reaktionen und Entscheidungen, ja sogar in Fehlleistungen und Blockaden.

Diesem unbekannten Fremden im eigenen Hause müssen wir uns schrittweise annähern, es kennenlernen und uns vertraut machen, wenn wir uns selbst besser verstehen und mit uns selbst besser umgehen lernen wollen. Genauso gilt es, uns dem Fremden in der Welt anzunähern, das Fremde kennenzulernen und uns vertraut zu machen. Dann verliert es – so wie das Unbewusste – seine Bedrohlichkeit, ja es verliert sogar seine Fremdheit. Denn was wir kennen und uns vertraut gemacht haben, ist nicht mehr fremd. Dann erst können wir entscheiden, ob es uns gut oder schlecht gesonnen ist, ob es Freund oder Feind ist. Daher kann es genau genommen gar keine Fremdenfeindlichkeit geben, außer der stupiden Bereitschaft, alles Fremde von vorneherein als Feind zu betrachten. Diese Haltung jedoch führt auf jeder Ebene zu einem Inzest, der jegliche Entwicklung, vor allem jene eines Selbstbewusstseins, verhindert.

Dieser Artikel von Mag. Hannes Weinelt erschien erstmals in der Ausgabe Nr. 143/2016 des Magazins Abenteuer Philosophie; mit freundlicher Erlaubnis des Verlags Filosofica; Copyright: Verlag Filosofica, Münzgrabenstraße 103, 8010 Graz; www.abenteuer-philosophie.org