Miyamoto Musashi – Der perfekte Samurai

Miyamoto Musashi gilt in Japan als die Verkörperung des perfekten Samurai. Die japanische Kriegerkaste der Samurai ist legendär und viele Mythen knüpfen sich an ihre Fähigkeiten.

Als Meister des Schwertkampfes und unerschrockene Kämpfer, aber auch als machtgierige Unterdrücker stehen sie im Mittelpunkt vieler Filme und Romane. Musashi ist uns heute bekannt als der Verfasser des Gorin-No-Sho, des Buchs der fünf Ringe, eines der bedeutendsten japanischen Werke über den spirituellen Weg des Kriegers.

samurai: „derjenige, der dient“, Krieger
ronin: herrenloser Samurai
heihô: Kunst des Schwertfechtens

Die Geschichte des Musashi

Miyamoto Musashi wird als eine bedeutende historische Figur des alten Japan betrachtet, als der idealtypische Samurai. Er wurde 1584 in Miyamoto, in der Provinz Mimasaka, geboren und sein voller Name lautete Shinmen Miyamoto Musashi-no-kami Fujiwara no Genshin. Musashi war eigentlich ein Ronin, ein Samurai aus einer verarmten adeligen Familie vom Land, ohne einen Lehnsherrn, dem er durch einen Treueeid verpflichtet gewesen wäre. Bereits in seiner Jugend verspürte er eine starke Sehnsucht, den Weg des Kriegers einzuschlagen und zeit seines Lebens war es sein Ziel, ein vollendeter Schwertkämpfer zu werden. Als Jugendlicher galt er als ungestüm, ja sogar gewalttätig, und bereits mit dreizehn Jahren gewann er seinen ersten Schwertkampf gegen einen voll ausgebildeten Samurai.

Seine Lebensgeschichte war eine sehr bewegte: Da er keinen Lehnsherrn hatte, beschritt er einen damals üblichen Weg, indem er ein fahrender Schüler des Schwertkampfes wurde. Aufgrund seiner großen Kraft und Verbissenheit in der Ausbildung stellten sich auch rasch Erfolge ein und er begann, sich einen Ruf als Kämpfer zu erwerben. Ständig war er auf der Suche nach Meistern der Waffenkunst, um sie zu Zweikämpfen herauszufordern und durchwanderte dabei weite Teile Japans. Es begannen sich bereits zu seinen Lebzeiten Legenden um ihn zu bilden, da er sehr zielstrebig war. So soll er sehr bescheiden in seinem Charakter gewesen sein, aber seine Erscheinung war wild und ungepflegt, da er niemals ein Bad genommen haben soll, um nicht nackt und ohne Waffe überrascht zu werden. Mit sechzehn gewann er sein zweites Duell, dem ungefähr sechzig weitere folgten, in denen er unbesiegt blieb.

Mit diesen Erfolgen im Kampf kam er jedoch immer mehr zur Einsicht, dass der Weg eines wahren Samurai nicht nur in roher Kraft und Todesmut bestand, sondern in erster Linie der Veredelung und Vervollkommnung des Menschen dienen sollte. Um dies zu erreichen, bildete er sich in allen Fertigkeiten und Künsten aus, die er als wertvoll erkennen konnte. Dazu gehörte im Japan seinerzeit die Kunst des Schreibens, die Kalligrafie, aber auch die Malerei, die Kunst des Schmiedens und das Zeremoniell der Teezubereitung. In allen diesen Bereichen erreichte er eine hohe Fertigkeit, und die Kunstwerke aus seiner Hand – Bilder, Stichblätter und Kalligrafien – zählen heute zu den begehrtesten Sammlerstücken.

Niemals ließ er in seinen jungen Jahren eine Gelegenheit zum Kampf mit einem fähigen Samurai ungenützt und zu seinen Gegnern zählten die größten Meister seiner Zeit, die mit den unterschiedlichsten Waffen kämpften. Musashi selbst bediente sich immer des Schwertes. Ausgehend vom Kampf mit dem Langschwert gelangte er aber zur Auffassung, dass die höchste Wirkungskraft und Vollendung im Schwertkampf im Gebrauch von zwei Schwertern liegt, indem man sowohl das Kurz- als auch das Langschwert gleichzeitig einsetzt. Dieser Stil war damals unüblich und so begründete Musashi eine eigene Stilrichtung, die er als Nito-Schule bezeichnete.
Obwohl im Kampf jede Waffe ihren Zweck besitzt und angemessen eingesetzt wirkungsvoll sein kann – Bogen und Gewehr auf weite, Speer, Stock und Hellebarde auf kürzere Distanzen – war für ihn der Schwertkampf aber immer am Wichtigsten. Das resultierte aus seiner mühevoll gewonnenen Erfahrung, dass der Weg des Kriegers eigentlich ein anderes Ziel hat, als möglichst viele Gegner zu töten. Auf der Suche nach persönlicher Vervollkommnung wurde das Schwert das Symbol für die Seele des Kriegers, die Waffe für den Weg der Selbstüberwindung.

Mit ungefähr dreißig Jahren, als er bereits als höchster Meister des Schwertfechtens galt, vollzog sich eine deutliche Wendung in Musashis Leben. Ein Mensch mit gewöhnlichem Charakter hätte sich mit großer Wahrscheinlichkeit den Verführungen des Ruhmes und der Verehrung einer bereits großen Zahl von Schülern hingegeben und ein angenehmes Leben als gefeierter Kämpfer genossen. Musashi war jedoch nicht der Meinung, die Vollendung bereits erreicht zu haben; er erkannte jedoch, dass weitere Zweikämpfe und die Fortsetzung der Suche nach stärkeren Gegnern ihn seinem Ziel nicht näherbringen würden.

Den Abschluss seiner Erfolge im Zweikampf bildete der Kampf gegen den Samurai Sasaki Ganryu Kojiro, der neben Musashi als der beste Kämpfer seiner Zeit galt. Der Zweikampf wurde durch eine formale Herausforderung an den Lehnsherrn von Kojiro eingeleitet, der dem Kampf zustimmte und eine Insel im Meer als Ort des Duells festlegte. Beide Kämpfer und eine Vielzahl von Zeugen und Schiedsrichtern wurden im Ruderboot zu dieser Insel übergesetzt. Von Musashi wird berichtet, dass er sich während der Fahrt aus einem abgebrochenen Ruder ein Holzschwert geschnitzt haben soll. Auf der Insel angekommen, erwartete ihn Kojiro bereits, zog sein Schwert aus der Scheide, warf diese fort und stellte sich ihm entgegen. Musashi, mit dem Holzschwert in der Hand, stieg aus dem Boot, watete auf das Ufer und den ungeduldig wartenden Kojiro zu und sagte: „Jemand, der einen Kampf gewinnen will, wirft die Scheide seines Schwertes nicht fort.” Es folgte ein kurzer, heftiger Kampf und Musashi erschlug Kojiro mit dem soeben geschnitzten Holzschwert.

Im Rückblick auf sein Leben schrieb er:

„Als ich dreißig war, blickte ich zurück auf mein bisheriges Leben.
Meine vorangegangenen Siege hatten ihre Ursache nicht darin,
 dass ich die Schwertkunst etwa vollkommen beherrschte.
Vielleicht besaß ich eine natürliche Begabung,
vielleicht war es eine Fügung des Himmels,
vielleicht war es aber so, dass die Ausbildung anderer Schulen schlechter war.
Danach übte ich mich von morgens bis abends in der Suche nach Wahrheit,
und als ich fünfzig war, erkannte ich das Wesen der Schwertkunst.”
Gorin-no-sho, Musashi

Musashis weiterer Weg bestand darin, sich erstmals in seinem Leben einen Lehnsherrn zu suchen, um seine Fähigkeiten in den Dienst anderer zu stellen. Er diente der Familie Hosokawa, einem damals einflussreichen und hochstehenden Fürstengeschlecht. Ohne dabei einer bestimmten religiösen Richtung oder einem Orden anzugehören, übte er sich ab nun intensiv im Gebet, der Liebe zu Natur, der meditativen Versenkung und der Ausübung der Künste.

Das heihô, die Schwertkampfkunst, blieb aber seine Lebensaufgabe, der er mit allergrößter Hingabe verpflichtet war. Musashi hat sein Lebensziel zumindest insofern erreicht, als er bis zu seinem Tod im Schwertkampf als unbesiegbar galt.

Musashi starb im Alter von 61 Jahren, nachdem er sich für viele Wochen meditierend in eine Höhle zurückgezogen hatte. In dieser Höhle verfasste er seine wichtigste Schrift, das Buch der fünf Ringe, in der japanischen Sprache Gorin-No-Sho genannt.

Bedeutung als Person hat Musashi daher in zweifacher Hinsicht erlangt: Er gilt einerseits als der beste Schwertkämpfer seiner Zeit, der in allen Kämpfen unbesiegt blieb. Andererseits hat er das Gorin-No-Sho verfasst, eine Anleitung für Strategien im Kampf und die Ausbildung als Krieger, das er am Ende seines Lebens in einer Höhle meditierend verfasste. In diesem Buch wird die Essenz seines Lebens, die Ausbeute all seiner Erfahrungen, niedergeschrieben. Das Gorin-No-Sho ist eine Anleitung für den Weg der Schwertkunst, die Schrift eines Kriegers, als Buch umso bemerkenswerter, als es aus einer gelebten Biografie entsprungen ist, die das Potenzial der dargelegten Ideen deutlich vor Augen führt.

Die Kunst des Schwertkampfes

Die Kunst des Schwertkampfes und die Tugenden der Samurai sind zwei der großen Mythen der japanischen Geschichte. Geradezu Unglaubliches wird von den Fähigkeiten der Samurai und der Qualität ihrer Waffen berichtet. Einerseits stellen diese Berichte eine Faszination dar, die viele Menschen fesselt, andererseits wird er auch vom Nimbus des Blutrünstigen, Grausamen und der Gewaltverherrlichung umgeben.

Um den Weg zu verstehen, den Musashi beschritten hat, und der – symbolisiert durch den Schwertkampf – als der Weg des Kriegers im Gorin-No-Sho beschrieben wird, sollte man sich zuerst eine grundsätzliche Frage stellen: Leben wir in einer Welt, in der Aggressivität etwas Unnatürliches ist und daher grundsätzlich vermieden werden kann? Die Antwort fällt sehr leicht: In allen Lebensformen, die wir kennen, unabhängig, ob in der Natur oder in menschlichen Gesellschaften, existiert Aggression als ein allgegenwärtiges Element. Aggressivität existiert in uns und außerhalb von uns. In der Zeit Musashis war die Antwort noch einfacher: Es war überlebensnotwendig, sich gegen Wegelagerer, Unterdrücker und feindliche Heere verteidigen zu können. Außerdem war es notwendig, einen Weg zu finden, der starken und zur Aggression neigenden Menschen die Möglichkeit bietet, sich zu entwickeln, ohne ihrerseits Wegelagerer oder Unterdrücker zu werden. Wenn wir also nach Harmonie streben, ist es in erster Linie wichtig, das zu kanalisieren, was diese Harmonie gefährdet, nämlich Unfrieden und Gewalt.

Der Weg des Kriegers besteht darin, diese Aggression in etwas Sinnvolles zu verwandeln, etwas Fruchtbringendes, das die hochstehenden Dinge beschützt und bewahrt, und die das Triebhafte, Egoistische zerstören. In diesem Lichte betrachtet wird der Krieger zu einem wertvollen Element jeder menschlichen Kultur.
Musashi suchte in seiner Jugend die Stärke. Er war fasziniert und angezogen von Kraft und Ruhm. Ohne sich groß um die Ziele dieses Weges zu kümmern, verschrieb er sich der Waffenkunst. Da er zwar ein rauer, aber dennoch bescheidener Charakter war, den die Sache mehr interessierte als die Meinung seiner Zeitgenossen, gelangte er nach vielen Versuchen, innere Harmonie und Reife zu erlangen, aber zum Schluss, dass jemand, der ein Schwert geschickt handhaben kann, noch kein Krieger ist:

„In anderen Schulen versteht man, wenn von heihô gesprochen wird, allein den Schwertkampf.
Das ist durchaus nicht unbegründet. Bei mir indessen gibt es heihô im engeren Sinne,
das ist die Schwertkunst, und es gibt zweitens heihô im weiteren Sinne, das ist der Weg des Kriegers.”

Gorin-No-Sho

Den Weg des Kriegers selbst gliedert Musashi in fünf Ringe, in fünf Elemente, daher besteht das Gorin-nosho eigentlich aus fünf Büchern:

Das Buch der Erde

So wie es einen Weg des Bauern gibt, einen Weg des Kaufmannes und einen Weg des Handwerkers, stellt der Weg des Kriegers einen Weg der Arbeit dar. Wie ein Zimmermann muss der Krieger hart an sich arbeiten, um ein Meister zu werden. Er muss seine Werkzeuge kennen, mit ihnen diszipliniert umgehen lernen und seine Intelligenz einsetzen. Musashi vergleicht den Krieger mit einem Zimmermann, der seinen Zollstock zu gebrauchen weiß und mit dem richtigen Einsatz seiner Werkzeuge und seiner Leute gute Arbeit leisten kann. Er kann gutes Holz von schlechtem unterscheiden, und jedes Holz an der passenden Stelle so einsetzen, dass seine Häuser nicht nur stabil, sondern auch schön werden. So wie ein Zimmermann dieses Handwerk lernen kann, indem er hart arbeitet, kann man auch das Handwerk des Kriegers lernen, indem man diszipliniert lernt und übt.

Ziel jedes Weges ist es aber, so zu einer Vervollkommnung und Meisterschaft zu gelangen, dass man über die Prinzipien des eigenen Weges die allgemeingültigen Prinzipien erkennen kann, die allen Wegen zugrunde liegen. Der eingeschlagene Weg ist wie eine Tür, über die Vervollkommnung lernt man die Grundgesetze aller Wege zu verstehen und letztendlich gibt es nichts mehr, was man nicht versteht. So wird jemand, der den Weg des Kriegers richtig beschreitet, auch den Weg des Handwerkers verstehen lernen und seine Fähigkeiten und Einstellungen machen einen guten Krieger zu einem guten Handwerker. Die meisterhaften Holzplastiken, die Musashi anfertigte und auch die Malereien aus seiner Hand sind als Zeichen seiner Bemühungen auf dem Weg zu verstehen, mit der physischen Beherrschung des Schwertes die Funktionsweise der Materie zu verstehen.

Das Buch des Wassers

Das Wasser ist etwas Formloses, das sich allen Umständen und äußeren Formen perfekt anpassen kann. Während in allen Schulen der Schwertkunst seinerzeit bestimmte Körper- und Schwerthaltungen als besonders effizient gelehrt wurden, gelangte Musashi zur Auffassung, dass man, um das Ziel zu erreichen, sich perfekt an die äußeren Umstände anpassen muss. Abhängig vom Gegner und vom Gelände, vom Wetter, der Kleidung und anderen Umständen, gibt es keine beste Haltung. Der Krieger muss jeden Moment neu entscheiden, mit welchen Mitteln er zum Ziel gelangt, was angemessen und angebracht ist. Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, den Körper und das Schwert zu bewegen, das Entscheidende ist aber letztlich der unbeugsame Wille, das Ziel zu erreichen. Wenn der ganze Mensch von diesem Willen durchströmt ist, findet er als geübter Schwertkämpfer immer instinktiv die richtige Haltung. Musashi nennt dies die „Haltung der Nichthaltung”:

„Erstarrung heisst, sich auf die Seite des Todes zu begeben.
Nicht- Erstarrung heisst, auf der Seite des Lebens zu bleiben.
Das musst du dir vor Augen halten.”
Gorin-no-sho

Das Buch des Feuers

Der Erfolg im Kampf ist abhängig vom Erkennen des Gegners, der Umstände des Kampfes und der Kenntnis von zwei grundlegenden Gesetzen: Der Rhythmus und das innere Gleichgewicht sind die beiden Elemente, mit denen man einen Kampf oder eine Schlacht gewinnen oder verlieren kann. Unabhängig von der Zahl der Gegner oder der Art des Kampfes gilt dabei immer das gleiche Gesetz: die eigene Ruhe und Harmonie zu bewahren, den eigenen Rhythmus zu finden und ihn dem Gegner aufzuzwingen, um seine innere Achse ins Wanken zu bringen.

Das Buch des Windes

Es ist Musashi, eher ungewöhnlich für seine Zeit, ein besonderes Anliegen, dass ein Krieger seinen Weg nicht geht, um damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Die damals wie heute üblichen Schulen und Lehrer, die versuchten, sich und ihre Fähigkeiten um möglichst teures Geld zu verdingen und zu vermarkten, waren ihm ein Gräuel. Alle Prinzipien seiner Schule waren darauf ausgerichtet, die Tugendhaftigkeit der Schüler zu fördern, sie darin zu unterweisen, die Oberfläche von der Tiefe, die Tugend von der Untugend und das Richtige vom Falschen unterscheiden zu lehren. Es ist die Unterscheidungskraft, die einen Menschen von sichtbaren Formenunabhängig macht. Ein Geist, der frei ist von Fehleinschätzungen und seine Ziele geradlinig verfolgt, erreicht sie am schnellsten. Jede Anhaftung an sichtbare Formen, jede einseitige Versteifung auf bestimmte Waffen oder Techniken stellt eine Schwäche dar. Die Kunst, diese Fehler zu vermeiden, kann man auch erreichen, indem man die Fehler anderer studiert und feststellt, ob man sie ebenso begeht oder nicht.

Das Buch der Leere

Die wahre Leere, das Erkennen alles Existierenden und damit auch des Nicht-Existierenden, also der Leere, bedeutet, sich von allen Täuschungen zu befreien. Musashi nennt Weisheit, Kraft des Geistes, Urteilskraft und Wachsamkeit als sie Eigenschaften, die einen Menschen in den Zustand versetzen können, der frei ist von Täuschungen. Wenn jemand frei ist von Selbstsucht, Ignoranz und falschen Absichten, wird er das Notwendige, das was zu tun ist und der Situation angemessen ist, klar erkennen und ganz selbstverständlich und richtig reagieren.

„Der Weg des Schwertes ist der Weg des Selbstverständlichen.
Tut einer das Selbstverständliche, erwächst ihm ungewöhnliche Kraft.”
Gorin-no-sho

Bildquelle: http://www.wikipedia.org