Wozu brauchen wir philosophisches Theater?

Theater war ursprünglich viel enger als heute mit der Philosophie verbunden, zumindest mit der Philosophie im klassischen Sinn.

Innerhalb der künstlerischen Projekte des Treffpunkt Philosophie - Neue Akropolis bildet das „Philosophische Theater“ einen wichtigen Schwerpunkt.

Theater bringt das Leben auf die Bühne, in all seinen Facetten. Es hält uns einen Spiegel vor. Ein gutes Theaterstück lässt uns herzhaft lachen, wenn es uns die komische Seite der Lebensverstrickungen zeigt. Es erschüttert uns zu Tränen, wenn es die Tragik ebendieser Lebensverstrickungen aufzeigt, ohne zu verniedlichen. Das Theater macht Himmel und Hölle des Menschwerdens gleichermaßen sichtbar. Bei großen Theaterstücken schwingt auch immer eine transzendente Ebene des Lebens mit, eine Ebene, die den menschlichen Verstand übersteigt. Der Zuschauer, der sich mitfühlend auf das Schauspiel einlässt, verlässt das Theater als ein anderer – er hat neue Erkenntnisse über das Leben erlangt. Die Frage ist bloß, ob ihn diese Erkenntnisse nachhaltig prägen oder ob sie ihm wieder entschwinden, wenn er ins Auf und Ab seines Alltags gerät…

Philo-sophie heißt wörtlich „Liebe zur Weisheit“. Weisheit ist mehr als intellektuelle Gelehrsamkeit: Weisheit hat auch eine moralische Dimension. Ein Philosoph im klassischen Sinn interessiert sich für das Leben in all seinen Facetten. Ein Philosoph weiß, dass nichts in der Welt vollkommen ist – auch er selbst nicht. Er philosophiert, weil er wach werden will, weil er die Welt und sich selbst ohne Schleier, frei von Illusionen erkennen will. Wer philosophiert, erkennt hinter dem endlosen Auf und Ab des Alltags das Allgemeingültige, das Wesentliche. Er erkennt auch, dass es Dinge gibt, die seine Vernunft übersteigen. Ein weiser Mensch lernt, in Freud und Leid er selbst zu bleiben. Er ist Autor und Regisseur seines eigenen Lebens. Und er lernt, wahrhaft zu lieben und glücklich zu sein.

Szene aus einem philosophischen Theaterstück, aufgeführt von einer Gruppe von PhilosophInnen des Treffpunktes Philosophie - Neue Akropolis Wien im Frühjahr 2015

Theater und Philosophie liegen tatsächlich näher zusammen als man glaubt.

Die ursprüngliche Verbindung von Theater und Philosophie löste sich jedoch mit der Zeit auf. Aus dem Theater entwickelten sich im 20. Jahrhundert neue Formen, wie z.B. Spielfilme, Reality Shows, Computerspiele. Die Tendenz zur Veroberflächlichung ist unübersehbar. Die Unterhaltungsindustrie macht jährlich Milliardenumsätze. Wo ist da die Kunst geblieben? Und die akademische Philosophie hat sich schon vor vielen Jahrhunderten an die Universitäten zurückgezogen: Sie wurde immer abstrakter und theoretischer. Und sie verlor die Fähigkeit, den Menschen im Alltag anzusprechen.
Doch das Theater kann die Philosophie entstauben und ins Leben zurückholen. Und die Philosophie kann dem Theater mehr Tiefgang und Wesentlichkeit geben.

Im „Philosophischen Theater“ von Neue Akropolis werden philosophische Fragen theatralisch aufbereitet. Nach der Aufführung ist das Publikum eingeladen, mit den Schauspielern und dem Regisseur über das Stück zu reflektieren, immer orientiert an möglichen Konsequenzen in unserem Leben.

von Walter Gutdeutsch