Rumi - der islamische Mystiker

Vor acht Jahrhunderten durchdrang eine Kultur des mystischen Islams die Länder, die sich von der heutigen Türkei (Anatolien) bis in das heutige Afghanistan und den Iran (Chorasan) erstrecken. Diese Kultur wurde als Sufi-Islam bezeichnet.

Das Wort „Sufi“ wird etymologisch vom arabischen Wort safa abgeleitet, das Reinheit bedeutet. Beseelt von dem Wunsch, sich mit Gott wiederzuvereinigen, schufen die Mystiker des Ordens einen Pfad, der zur Erlangung der Selbsterkenntnis und zur Verwirklichung Gottes führt. Dieses Phänomen wurde von großen intellektuellen, künstlerischen und philosophischen Ikonen der damaligen Zeit geschaffen und gepflegt; allen voran von Jalaluddin  Muhammad Rumi.

sein Leben

Rumi wurde im Jahr 1207 in der persischen Stadt Wachsch geboren, die in einer Region im heutigen Afghanistan-Tadschikistan liegt. Als Sohn eines Juristen, Gelehrten und Sufi-Mystikers entstammte er dem Geschlecht der Hanafi und in seinem Zuhause trafen sich Dichter und Mystiker. Als die Mongolen in Zentralasien einfielen, reiste die Familie gen Westen durch Bagdad und Damaskus und ließ sich in Karaman, Anatolien, nieder. 1228 zog Rumi erneut um nach Konya, wo seine sterblichen Überreste nach seinem Tod im Jahre 1273 im Mevlana-Mausoleum bestattet wurden. Dieses Mausoleum ist heute das Epizentrum des Sufi-Mystizismus. Rumis Leben veränderte sich dramatisch, als er 1244 den Derwisch Shams aus Täbris traf. Kurz darauf verwandelte sich Rumi in einen von Liebe erfüllten Poeten. Der Legende nach wurde Shams vier Jahre später, in einer Nacht voller Diskussionen und spiritueller Lebensfreude, von einer mysteriösen Stimme aufgerufen, den Hintereingang zu passieren. Er verließ das Haus und ward nie wieder gesehen. Man mutmaßt, dass die Erleuchtung, die von der Verwirklichung ausgeht, ihn zu dem „Ganzen“, dem „Einen“ gerufen hat. Zumal Shams Rumi die Enthüllung der wahren Bedeutung des islamischen Konzepts Tawhid hinterlassen hat.

das Konzept des Tawhid - die Lehre des Rumi

Tawhid bedeutet übersetzt „die Einheit schaffen oder umsetzen“. Für den Sufi ist Gott seinem Wesen nach eine Einheit, die sich in den vielfältigen Beschreibungen und Attributen ihrer selbst ausdrückt. Diese Einheit deutet darauf hin, dass es außerhalb des Göttlichen keine absolute Existenz gibt. Von dieser mystischen Verwirklichung sagt man, dass sie mit Worten nicht ausgedrückt werden kann. Sie kann nur durch Intuition und in der Schönheit erfahren werden. In seiner Gedichtsammlung Diwan-e Shams-e Tabrizi drückt Rumi dieses Wesen aus, wie nur ein Dichter es vermag:

Wozu soll ich suchen? Ich bin dasselbe wie Er.
Sein Wesen spricht durch mich.
Ich habe mich selbst gesucht!

Man sagt, dass er durch die Liebe seine wahre Identität entdeckt hat und wiedergeboren wurde im Reich eines höheren Bewusstseins – ein Mensch, der zur Geburt kam. Rumi beschreibt dies anschaulich:

Die Liebe war es, die mich zur Geburt gebracht hat, nicht meine Mutter;
Diese Mutter sei hundert Mal gesegnet.

Rumi erkannte auf subtile Weise, dass die transformative Kraft der transzendenten Liebe ein Katalysator ist, die den Gläubigen, der eine Religion praktiziert, über die Grenzen der religiösen Rahmenbedingungen hinweg in das Reich des wahren Wesens der Religion erheben kann, in ihre Philosophie, sogar in ihr Mysterium. Für ihn war der Körper nur die Lampe, die das Licht des Wesens enthält. Die Liebe war die Kraft, die das Bewusstsein wegführt von der Identifikation mit dem Gefäß, das aus unseren Wünschen, Emotionen und Gedanken besteht und hin zu unserem wahren Selbst, dem Maulānā. In seinem Meisterwerk Mathnawi schreibt er:

Jemand hat gefragt: „Was ist Liebe?“ Ich antwortete:
„Du wirst es wissen, wenn du zum „wir“ geworden bist.“

Maulānā (türkisch Mevlânâ) ist ein arabisches Wort, das Schutzherr, Meister oder geliebter Mensch bedeutet. Shams war Rumis Maulānā, er wiederum wurde der Maulānā seiner eigenen Jünger. Rumis Gedichte beschreiben keinen einsamen Weg bestehend aus sich selbst nährenden Emotionen, der von jeglicher aktiver Einbindung in die Welt des Handelns entrückt ist. In Shams hatte er die führende Hand eines Gurus erfahren; der Jünger hat den Weg zur Geburt gebracht:

Ohne einen Führer wirst du dich verirren.
Sogar auf einem Weg, den du viele Male beschritten hast.
Wandere nicht alleine auf einem Weg, den du nie gesehen hast;
Wende dich nicht von dem Führer ab.

Nach seinem Tod gründete sein Sohn Sultan Walad den Mevlevi-Orden, um die einzigartige Form des Dhikr fortzuführen, die sein Vater geschaffen hatte.
Dhikr ist ein arabisches Wort, das „Erinnerung an oder Anrufung des Göttlichen als einen Akt der Hingabe“ bedeutet. Dhikr wird üblicherweise mit Rosenkränzen ausgeübt. Rumi hingegen praktizierte es in Form des Sema-Tanzes, dem mystischen Tanz der sich drehenden Mevlevi-Derwische:

Das Licht des Dhikr erschafft den Vollmond.
Und führt jene, die verloren sind, auf den Pfad der Wirklichkeit.

Rumi hat den Sema-Tanz in einem Ausbruch spontaner Inspiration geschaffen, als er eines Tages, während er in den Straßen von Konya spazierte, den rhythmischen Gesang des Dhikr hörte – „la elaha ella’llah … es gibt keinen Gott außer den einen Gott“. Von ekstatischer Freude erfüllt streckte Rumi seine Arme aus, wobei eine Handfläche nach oben, zum Himmel schaute, als ob sie empfangen würde, und die andere Handfläche nach unten, zum Boden gerichtet war, als ob sie weitergeben würde. In dieser Stellung begann er, sich in Einheit mit der Ewigkeit zu drehen.

Während ein Derwisch sich dreht, lässt er die Emotionen und den Intellekt zurück, die den Pforten der Sinne und dem tief sitzenden instinktiven „Gedächtnis“ entspringen. Sein Bewusstsein erhebt sich, er tritt in Einklang mit der Schönheit und der Intelligenz der Seele. Verloren in ekstatischer Ewigkeit wird der Jünger zum Yogi – zu dem, der „die Einheit kennt“.

Wenn die heutigen Derwische gemeinsam einen zeremoniellen Tanz vollführen, drehen sie sich um ihre Achse und kreisen zugleich um ein unsichtbares Zentrum. Dadurch erinnern sie an das Wunder der rotierenden Planeten, die sich um die Sonne drehen. Wenn sie zusammen tanzen, versinnbildlichen sie Tawhid, da die Welt der verwirklichten Seele die Welt des kollektiven Bewusstseins ist, wo viele eins werden; sie tanzen in synchroner Gemeinschaft als eins.

Solange der Suchende nicht gänzlich ausgelöscht ist,
wird er in Wahrheit nicht in die Einheit eintreten.
Bis der Diener vollkommen ausgelöscht ist,
ist Tawhid nicht als etwas Reales verwirklicht.

Für all jene, die ihm vorwerfen, in eine rauschähnliche Weltferne einzutauchen und die Losgelöstheit von der banalen Welt der Verantwortung und Verpflichtungen zu preisen, hat er das letzte Wort:

Alles, was du gelesen hast, soll dir ermöglichen, jedes Buch zu schließen.
Jede Seite, die du je umgeblättert hast, hätte dir dabei helfen sollen,
den Schleier vor deinem herrlichen Blick abzustauben – zu zerreißen.
Alles Gerede und alle Wörter sind nur ein Vorspiel. Ich habe jetzt etwas anderes
für uns vor. Schließe jetzt das Buch!

Dieser Artikel von Bhavna Roy wurde auf http://library.acropolis.org im englischen Original veröffentlicht, ins Deutsch übersetzt von Eva-Maria Bellinger