Weder Idioten noch Hallodris ...

Prof. Karlheinz Töchterle

... sondern engagierte Bürger brauchen wir. In einer Eröffnungsansprache zum Philosophicum Lech verwehrte sich der Universitätsprofessor und „Politiker aus Leidenschaft“ Karlheinz Töchterle gegen die weitverbreitete General-Verunglimpfung des Politikers. Hannes Weinelt sprach mit Karlheinz Töchterle.

H.W.: Herr Prof. Töchterle, Ihr Schwerpunkt als Altphilologe ist die römische Kaiserzeit, speziell die Stoiker, wie weit hat die antike Philosophie für uns heute noch eine Bedeutung, ich denke hier an moderne Managementliteratur wie z.B. „Seneca für Gestresste“?
K.T.: Die antike Philosophie hat sich seit Platon sehr intensiv mit der Frage beschäftigt „wie soll man leben?“. Für die Stoa und bei Epikur ist dies sogar eine zentrale Frage. Und wenn man diese Frage stellt, findet man immer auch zeitlose Antworten. Auch Fragen nach der Transzendenz, nach Gott sind Grundfragen, oder auch die soziale Frage, der Umgang mit den Mitmenschen war sehr präsent. Bei all diesen Fragen kann uns die heutige Naturwissenschaft nicht wirklich weiter helfen. Auch in der modernen Philosophie haben diese Fragen keinen großen Stellenwert, selbst ethische Fragen stehen am Rande.


H.W.: Denken Sie jetzt an eine bestimmte Antwort der antiken Philosophie, die für uns heute Relevanz hat?
K.T.: Da denke ich am ehesten an die stoische Antwort, die dem Menschen für all sein Handeln eine Verantwortung zuschreibt. Alles, was der Mensch tut, tut er als Teil des Kosmos, als am Logos Teilhabender, und damit ist alles, was der Mensch tut, für das Weltganze relevant. Das finde ich eine sehr attraktive Konzeption, gerade in Zeiten des Klimawandels und anderer Probleme, wo wir wissen, dass wir mit jeder unserer Handlungen das Ganze mitbeeinflussen. In der Stoa ist man immer dazu aufgerufen, selber seinen Teil beizutragen, das finde ich sehr modern.


H.W.: Sehen Sie generell Parallelen des heutigen Europa mit der Spätantike?
K.T.: Mit Analogien bin ich immer sehr vorsichtig. Aus meiner Sicht wiederholt sich die Geschichte nicht, außer im Sinne von Thukydides, dass die Geschichte immer den Eintrag des typisch Menschlichen enthält, wie Habgier, Machtstreben, Rachsucht, Neid. Diese Dinge bleiben konstant. Was die Spätantike zum Beispiel extrem prägt, ist eine Verinnerlichung, durch Christentum und Neuplatonismus. Wir dagegen haben eine Veräußerlichung.


H.W.: Aber könnte man nicht gerade sowohl Verinnerlichung als auch Veräußerlichung als zwei Seiten einer Medaille sehen, um sich nicht mit der Welt beschäftigen zu müssen, im Sinne der Verantwortung des Einzelnen, von der Sie früher gesprochen haben?
K.T.: Ich möchte nicht solche großen Bögen spannen, da wird es ganz schnell sehr ungenau.


H.W.: Ich möchte Sie jetzt als Altphilologen fragen, welche Begriffe der Antike bis heute im Gebrauch sind, aber einen Bedeutungswandel erfahren haben oder wieder zu ihren Ursprüngen zurückgeführt werden sollten?
K.T.: Es gibt eine Fülle von Begriffen, die sich verändert haben oder sogar ganz sinnentleert sind. Mir fällt da als erstes der Begriff amicus ein, der Freund, auch wenn der Begriff sich in unserer Sprache nicht direkt erhalten hat. In der Wurzel steckt hier amare, die Liebe, aber in der römischen Antike ist die Freundesliebe sehr an den Rand gedrängt. Die lateinische amicitia ist eher ein Zweckbündnis, ein „do ut des“. Unser Begriff ist hier viel emotioneller und auch edler belegt.
Ein Begriff, der direkt aus dem Lateinischen kommt, ist Autorität (von auctoritas), der ist wiederum im antiken Rom weiter gefasst. Wir meinen mit Autorität meist eine Wechselbeziehung zwischen zwei Entitäten, während auctoritas gar keine Wechselbeziehung benötigt, hier geht es um eine persönliche Stärke, die Ausstrahlung, die Gesetztheit eines Mannes.
Ein anderer schöner Begriff ist humanitas, daraus leiten wir heute Humanität ab.  Humanitas ist einerseits – dies sehen wir sehr schön bei Cicero – paideia, Bildung, und andererseits philantropia, Menschenliebe. Bei unserem Begriff Humanität ist die Bildung verloren gegangen, nur die Menschenliebe ist übriggeblieben. Der antike Begriff ist da breiter.
Der Begriff Demokratie beispielsweise ist in der Antike fast immer negativ konnotiert, während er für uns heute uneingeschränkt positiv besetzt ist.
Ein Begriff, der heute zwar so nicht mehr in Verwendung ist, aber sehr interessant, ist oikeiosis. Darin steckt oikos, das Haus, davon kommen unsere Begriffe Ökonomie und Ökologie. Die oikeiosis bezeichnet die „Einhausung“, der Mensch muss sich in sich selbst “beheimaten“, das ist ein zentrales Momentum des Menschseins, sonst wäre er schwerstens gestört. Auch Tiere und Pflanzen haben eine oikeiosis, aber der Mensch hat die ausgeprägteste.


H.W.: Kann man sagen, dass wenn so ein Begriff verloren geht, dass dann auch das Konzept oder die Idee als solche verloren geht? Haben wir überhaupt einen vergleichbaren Begriff?
K.T.: Wir haben den Begriff Identität, aber der meint etwas anderes, da geht es mehr um eine Form mit sich selbst im Reinen zu sein. Oikeiosis ist weiter gefasst, es meint eben auch Selbsterhaltung und Selbstentfaltung und erweitert sich in der individuellen Entwicklung, wie uns Cicero in „De finibus“ zeigt, auch auf die Nachkommen und auf die soziale Umgebung, sie kann sich sogar auf die Lebensgemeinschaft mit anderen Lebewesen ausdehnen. Letztlich dient ihre volle Entfaltung dem stoischen Ideal eines Lebens „gemäß der Natur“, das im Ideal einer kosmischen Gemeinschaft aller Menschen (und Götter) kulminiert.“ Soll ich weiter im „Begriffswald“ wildern?


H.W.: Ich denke da noch an den Begriff des idiotes. Inwiefern ist der politisch Uninteressierte ein Idiot?
K.T.: To ideon ist „das Eigene“. D.h. der idiotes kümmert sich nur um seine Sache. Daher ist der Privatmann, der sich nicht um das Gemeinwesen kümmert, ein idiotes. Dies war in der Zeit der griechischen Demokratie ein klar negativer Begriff. Das Gegenstück dazu, die allotria, von to allo, „das Andere“, war ebenfalls negativ belegt. Es ist das „Sich-um-das-andere-Kümmern“, was einem nicht zusteht und nichts angeht. Davon kommt unser Begriff Hallodri. Wer sich also nur um das eigene kümmert, ist ein Idiot, wer sich aber zu viel um anderes kümmert, ein Hallodri. Der positive Gegenbegriff zum idiotes ist der polites, der Bürger, der sich für die Polis engagiert.


H.W.: Warum haben wir heute so viele idiotai, so viele Desinteressierte an der Politik?
K.T.: Das hat mehrere Gründe, zumindest zwei. Einen positiven im Sinne von „die Menschen interessieren sich nicht politisch, weil sie zufrieden sind“. Warum soll ich mich engagieren, wenn ohnehin alles passt? Das andere ist sehr wohl eine Politik- und Politikerverdrossenheit, die stark zugenommen hat, vor allem seit der Wirtschaftskrise 2008. Als man sah, wie Banken mit Milliarden gerettet wurden. Es ist Wut, die zur Verdrossenheit führt, das heißt, ich kann ohnehin nichts tun, also schau ich gar nicht mehr hin.  Das Problem davor ist die repräsentative Demokratie generell, denn dabei ist das politische Engagement letztlich auf den Wahlgang reduziert. Und zusätzlich ist diese repräsentative Demokratie sehr formalisiert und ritualisiert. Damit meine ich, dass das Parlament vor allem Gesetze beschließt, die es nicht generiert hat. Generiert werden sie meist von den Ministerien, also der Exekutive, und dahinter stehen dann oft noch Interessensgruppen. Dazu kommt der Klubzwang. Damit wird das Parlament zu einer Art „Erfüllungsgehilfen“ der Regierung und ist nicht mehr wirklich Souverän.


H.W.: Sie sind ja ein sehr politischer Mensch, vom Engagement in Ihrer Heimatgemeinde bis zum Mandatar im österreichischen Parlament, aber Sie gehören keiner Partei an. Ist das ein Zukunftsmodell?
K.T.: Es ist ein interessanter Ansatz. Denn Politik- und Politikerverdrossenheit ist in Wirklichkeit oft Parteienverdrossenheit. In Österreich haben nach dem Zweiten Weltkrieg die beiden großen Parteien, die mittlerweile so groß nicht mehr sind, den Staat quasi unter sich aufgeteilt. Alles wurde mit Parteilichkeit durchsetzt, von der Bestellung von Volksschuldirektoren bis zu Sportvereinen und Autofahrerklubs. Prinzipiell kann man dies den Parteien gar nicht anlasten, da Parteien ja dazu da sind, mächtig zu werden, das ist ihr Wesenszug. Aber dies hat natürlich auch zur Politikverdrossenheit beigetragen.


H.W.: Ich möchte noch auf ein weiteres, Ihnen wichtiges Thema kommen, jenes der Bildung. Wie richtig oder verkehrt liegen wir heute mit unserer Ausbildung von Spezialisten zulasten einer breiten humanistischen Bildung wie sie beispielsweise in der Renaissance mit dem uomo universale konzipiert war?
K.T.: Eine Ausbildung zum uomo universale im Sinne der Renaissance ist heute nicht mehr machbar, dazu ist unser Wissen viel zu speziell geworden. Aber unbedingt für wichtig halte ich eine allgemeine menschliche Ausbildung, eben nicht nur intellektuell, sondern auch Ethik und Moral, Herzensbildung, das ist sehr wohl erreichbar. Und dies sollte in der Sekundarstufe (also nach der Volksschule) passieren. Die Universitäten müssen den Anspruch haben, eine tiefe wissenschaftliche Ausbildung, also Wissen am Puls der Zeit zu vermitteln, im Sinne Schleiermachers, der gemeint hat, dass wer in einem Fach eine wirklich tiefe Ausbildung erhalten würde, dies generell auf einen allgemeinen wissenschaftlichen Geist übertragen könne.
Breite Bildung gehört also in die Sekundarstufe, die sich in ihren Fächern natürlich an die Zeit anpassen muss, doch nicht zu kurzatmig, wie zum Beispiel beim EDV-Unterricht.


H.W.: Was ist hier passiert?
K.T.: Man führte den EDV-Unterricht als etwas extrem Wichtiges ein, und heute sind alle Computer so bedienungsfreundlich, dass man dafür kein eigenes Unterrichtsfach bräuchte – ähnlich wie beim Auto: wenn ich einsteige und starte, muss ich auch nicht wissen, wie die Dinge im Detail funktionieren. Natürlich braucht es dafür Spezialisten, aber kein eigenes allgemeinbildendes Fach. Da sind mir die Lateinstunden wichtiger.


H.W.: Apropos Lateinstunden, ich erinnere mich da an meinen Lateinprofessor, der uns auch viele praktische Lebensweisheiten der römischen Stoiker vermittelte. Welche Lebensweisheit oder welches Zitat fällt Ihnen da ein, das Sie unseren Lesern zum Abschluss gerne mitgeben möchten?
K.T.: Ein Prinzip, das ich anstrebe, aber nicht immer erreiche, formuliert der delphische Spruch (den manche Solon zugeschrieben haben) „medèn ágan“, „Nichts im Übermaß“, den Terenz lateinisch mit „ne quid nimis“ fasst. Er könnte sowohl für Individuen als auch für Kollektive viel Gutes bewirken und viel Schlechtes vermeiden.

Interview mit Univ.-Prof. Dr. Karlheinz Töchterle, geführt von Mag. Hannes Weinelt, Obmann des Treffpunkt Philosophie - Neue Akropolis und Chefredakteur von Abenteuer Philosophie. Das Interview wurde im Café Central in Innsbruck geführt.

Kurzbiographie o. Univ.-Prof. Mag. Dr. Karlheinz Töchterle

Karlheinz Töchterle, geboren 1949 in Brixlegg, Tirol, studierte Klassische Philologie und Germanistik an der Universität Innsbruck. Studienaufenthalte führten ihn an die Universitäten Konstanz und Padua. Töchterle habilitierte sich 1986 in Klassischer Philologie, er hatte Gastprofessuren an den Universitäten Graz und München. 1997 folgte die Berufung auf ein Ordinariat für Klassische Philologie an seiner Heimatuniversität. 2000 wurde er an der Universität Innsbruck Leiter des Institutes für Sprachen und Literaturen, 2005 Studienleiter der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät, 2007 folgte die Wahl zum Rektor der Universität Innsbruck. Im April 2011 wurde Töchterle als parteifreier Wissenschafts- und Forschungsminister angelobt. Seit seinem Ausscheiden im Dezember 2013 übt Töchterle ein Nationalratsmandat aus, ist Wissenschafts- und Forschungssprecher der ÖVP und wieder an die Universität Innsbruck zurückgekehrt. Der passionierte Berg- und Skitourengeher lebt in Telfes, Stubaital, ist verheiratet und zweifacher Familienvater.