Kooperation - das Modell der Zukunft

Oder: Warum Konkurrenz nicht funktioniert
Stell dir vor, du wachst eines Tages auf einer einsamen Insel auf. Es ist alles da, was du zum Leben brauchst: Nahrungsmittel, Wasser, Pflanzen, Tiere, aber kein menschliches Lebewesen weit und breit.

Noch sieht alles ganz harmlos aus, aber richte dich darauf ein, dass du, so wie Robinson Crusoe über Monate nicht gefunden wirst. Was würdest du an deinem bisherigen Leben am meisten vermissen? Und was wird dir in deinem neuen Leben am meisten fehlen?Kann es sein, dass du diese Frage mit „Menschen“ beantwortest?

Als Einzelwesen gibt es uns nicht

Ja, wir brauchen den Kontakt mit anderen, denn wir sind als soziale Wesen erdacht, oder so wie es der griechische Philosoph Aristoteles formuliert, der Mensch ist ein „zoon politikon“, ein Gemeinschaftswesen. Und der deutsche Neurowissenschaftler Gerald Hüther bringt es auf den Punkt: „Als Einzelwesen gibt es uns nicht“. Denn alles, was wir können und alles, was wir jemals gelernt haben, haben wir von anderen bekommen. Jedes Kind, ist sich Hüther sicher, hat bei der Geburt das volle Potenzial zur Verfügung. Was sich daraus entwickelt, ist jedoch in hohem Maß davon abhängig, was wir durch den lebendigen Austausch mit anderen daraus machen. Von den einfachsten Verhaltensweisen, wie dem aufrechten Gang, bis zu den genialen Leistungen der Wissenschaft oder Kunst, immer hat das Lernen in und durch menschliche Beziehungen einen Löwenanteil daran. Zahlreich sind die Studien, die belegen, dass wir Menschen ohne das „Du“ auf Dauer nicht überleben können.

Kooperation – das Erfolgsmodell der Evolution

Das Zusammenleben sichert uns aber nicht nur die jetzige Existenz, sondern ist das eigentliche Erfolgsmodell der Menschheit generell. Der amerikanische Soziologe Jeremy Rifkin zeichnet in seinem Buch „Die empathische Zivilisation“ die Menschheitsgeschichte als eine Geschichte der Kooperation nach. 140.000 Jahre alt ist die Geschichte des Homo Sapiens. Eine Geschichte, in der Krieg und Gewalt die Ausnahme sind und Zusammenarbeit die Regel. Alles, was der Mensch an kulturellen Spitzenleistungen geschaffen hat, ist das Ergebnis des Zusammenwirkens vieler Individuen. Daher war es in vielen Kulturen auch gar nicht wichtig, wer die einzelnen Teile geschaffen hatte, wer den Plan erdacht hatte oder wer der Baumeister war. Von den ägyptischen Pyramiden beispielsweise, oder von den gotischen Kathedralen können wir bis heute nicht sagen, wer die Architekten waren. Noch weniger Bedeutung hat diese Frage bei den indigenen Kulturen, für die es immer die ganze Gemeinschaft braucht, damit etwas entstehen kann. „Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf“, ist ein geflügeltes Sprichwort, das auf viele Bereiche übertragen werden kann.

Der "Irrwahn des Getrenntseins"

Doch mit dem Beginn der Aufklärung, die der menschlichen Ratio einen ganz besonderen Stellenwert einräumt, bekommt auch das Denken in Gemeinschaften einen Riss. Inspiriert durch das Maschinenmodell Descartes, der die Welt mit einem Uhrwerk vergleicht, das präzise nach logisch nachvollziehbaren Gesetzen abläuft, verändert sich auch das Menschenbild. Als rationales Wesen wird dem Menschen nahezu uneingeschränkt die Fähigkeit zugeschrieben, diese Gesetze zu durchschauen und sie letztlich auch zu steuern. Somit braucht er weder einen Gott, noch den anderen. Verstärkt wird diese Tendenz noch durch die oft kritisierte Interpretation von Darwins „survival of the fittest“ als Aufruf zu Konkurrenz und Wettkampf. Was die einen als neues Selbstbewusstsein der Spezies Mensch interpretieren, sehen die anderen als unaufhaltsamen Prozess der Entfremdung und Trennung von sich selbst, den anderen und der Natur. Die russische Philosophin Helena Petrovna Blavatsky spricht in ihrem Buch „Die Stimme der Stille“ vom „Irrwahn des Getrenntseins“, eine Idee aus der tibetischen Philosophie. Damit ist gemeint, dass wir glauben, alleine glücklich sein zu können, ohne uns um andere zu kümmern. Wie sehr dieses Thema unsere Gesellschaft betrifft, zeigt die Zunahme der psychischen Krankheiten, die auf einen Mangel an sozialen Kontakten zurückzuführen sind.

Die russische Philosophin Helena Petrovna Blavatsky, 12.August 1831 - 8.Mai 1891

Konkurrenz als Idee der Marktwirtschaft

Historisch gesehen gab es einen weiteren entscheidenden Faktor, der das Konkurrenzmodell groß werden ließ: Wettbewerb wird oft als Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg des Kapitalismus und der Marktwirtschaft genannt. Der Untergang des Kommunismus hat ja gezeigt, dass eine Gesellschaft ohne Konkurrenzdruck und Wettkampf am Markt ineffizient arbeitet und letztlich untergeht. Die berühmte "invisible hand" von Adam Smith wird als Rezept betrachtet, das einer einfachen Formel folgt: Wenn jeder Einzelne seinen eigenen Nutzen maximiert, dann wird gleichzeitig der Gesamtnutzen maximiert, und man leistet sozusagen mit Egoismus einen Beitrag zur Gesellschaft. Dass dadurch die gemeinsamen menschlichen Aufgaben wie Umweltschutz, eine funktionierendes humanistisches Wertesystem, Bildung und Menschenrechte unter die Räder geraten, erleben wir derzeit sehr plastisch. Das Wirtschaftssystem sollte dem Menschen dienen, nicht der Mensch zum Diener der Wirtschaft werden. Und nebenbei: wer Adam Smith genau liest, wird feststellen, dass auch er die Solidarität zwischen Menschen als unabdingbar betrachtet.

Eine neue Kooperationskultur als Antwort

Vielleicht ist das, was wir im Augenblick erleben, aber auch eine Übergangsphase in unserer ganz normalen menschlichen Entwicklung. Jedes Kind erlebt diesen Abnabelungsprozess, wenn es aus dem geschützten, familiären Umfeld heraus tritt, um zu einem eigenständigen Menschen zu werden.
Und vielleicht hat auch die Menschheit als Ganzes diesen Prozess, den Rifkin als Individuation bezeichnet, zu durchlaufen, um bei einem neuen, reiferen und bewussteren Zusammenleben anzukommen.
Gerade in den letzten Jahren ist eine Vielzahl von Initiativen entstanden, die dabei sind, den Wert der der Gemeinschaft neu zu entdecken. Transition-Bewegung, Sharing Economy, Gemeinwohl-Initiativen sind nur einige, die mit dem idealistischen Ziel angetreten sind, die Welt gemeinsam zu einer besseren zu machen. Auch wenn die Bewegungen noch jung sind und es schwer abzuschätzen ist, wie nachhaltig sie auf längere Sicht sein werden, so sind sie doch ein ermutigendes Signal des Aufbruchs. Ob aber ein echter Wandel hin zu einer neuen Kooperationskultur gelingt, ist von uns allen abhängig, und davon, ob es uns gelingt, sie als innere Haltung und als Teil unseres Lebensstils zu verankern.

von Johanna Bernhard
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