Unsere Fragen an die Freundschaft

Die Jugendstudien beweisen es. Der heutigen Jugend sind Freundschaft und Familie am wichtigsten. Und wir alle scheinen zu wissen, was Freundschaft ist, aber dennoch haben wir viele Fragen an sie.

Niemand möchte ohne Freunde leben. Diese Aussage stammt von Aristoteles und beweist, dass Freundschaft immer schon eine zentrale Rolle spielte. Wie können wir sie definieren? Das ist gar nicht so einfach, denn da schwingen viele Gefühle, Hoffnungen und Ängste mit. „Freundschaft ist ein auf gegenseitiger Zuneigung beruhendes Verhältnis von Menschen zueinander“, sagt der Duden. Damit können wir nicht wirklich zufrieden sein. Freundschaft ist viel mehr: Mit einem Freund gehen wir durch dick und dünn. Wir können mit ihm über alles reden, wir helfen und vertrauen einander. Er bremst uns, wenn wir uns gerade in irgendetwas  verrennen wollen. Wir erinnern uns gegenseitig an unsere Lebensziele und Träume und stellen uns gemeinsam den Schwierigkeiten des Lebens. Wir entscheiden uns bewusst, einander Freunde zu sein. Ich kann nicht heimlich Freund sein, so wie ich jemanden lieben kann, ohne dass er es weiß. Freundschaft ist frei von verwirrenden Gefühlen und sexueller Anziehung. Wir haben Angst, den Freund zu verlieren und allein zu sein. Und es gibt viele Fragen: Wie viel Tugend und Wahrheit braucht oder verträgt die Freundschaft? Wie viel Freiheit muss ich gewähren, wenn mein Freund offensichtlich in sein Verderben rennt? Wie viel und was darf ein Freund von mir verlangen? Wie viel und was darf er geben? Und wo bleibe letztlich ich?

Eine Ideengeschichte

In der Antike wird Freundschaft mit Philia bezeichnet und bedeutet eine spirituelle, höhere Form der Beziehung zwischen Menschen oder auch mit Gott. Philia, als eine spezielle Art der Liebe, verbindet nicht nur Freunde, sondern auch die Mitglieder einer Familie und einer politischen Gemeinschaft oder auch Geschäftspartner.
Platon und Aristoteles
Für Platon war Freundschaft eine sittliche, praktische Tugend und zeigt sich in einem gemeinsamen Streben nach dem Guten. Daraus entsteht ein moralischer Nutzen für den Einzelnen wie auch für das Kollektiv. Wenn alle Freunde gemeinsam nach dem Guten streben, strebt wohl ein Großteil der Menschen dorthin. Freundschaft hat also in der Antike eine wichtige politische Funktion. „Könnte je ein Staat aus lauter Geliebten und Liebenden bestehen, wie könnte er vortrefflicher sein, als durch diese Menschen, die vor jeder unedlen Handlung zurück schrecken, und im Guten mit einander wetteifern.“ (Platon, Symposion)
Aristoteles widmet dem Thema gleich zwei Kapitel in seiner Nikomachischen Ethik. (Buch 8-9). Freundschaft bleibt auch bei ihm eine Tugend. Er unterscheidet drei Formen: 
1. Die Nutzfreundschaft sucht das Nützliche und Gute. Sie dauert so lange, wie der Nutzen anhält. 
2. Die Lustfreundschaft beruht auf dem Angenehmen und ist noch unbeständiger und zufällig.
3. Die wahre Freundschaft liegt – sehr ähnlich wie bei Platon – in dem gemeinsamen Streben nach Tugendhaftigkeit. Die Wertschätzung des Freundes hängt von der moralischen Qualität seines Charakters ab und liegt nicht in seiner „liebenswerten Persönlichkeit“. Sehr spannend ist auch seine berühmte Spiegel-Metapher: Ich liebe meinen Freund so, wie ich mich liebe. Mein Freund ist mein zweites Selbst, mein „alter ego“. Er spiegelt meine, wie ich ihm seine, Liebe zum Guten und zur Tugend. Nur durch diese gegenseitige Spiegelung können beide sich korrigieren und verbessern. Auch bei Aristoteles finden wir also eine individuelle als auch eine politisch-kollektive Komponente.

Ohne Freunde können wir nicht gut sein und nicht gut leben.

Aristoteles

Mittelalter

Nun wird die Freundschaft von der christlichen Theologie beeinflusst. Ihre Ursache und ihr Ziel liegen in der göttlichen Liebe selbst. Hier kommen vor allem auch der Gedanke der Nächstenliebe (caritas) und Freundlichkeit (affabilitas) dazu. Auch der Sünder soll freundschaftlich und verzeihend geliebt und in die Gemeinschaft der Gläubigen integriert werden.
Neuzeit
Das Welt- und das Menschbild fragmentieren sich. Auch die Freundschaft verliert ihr einheitliches Verständnis und ihren moralischen und politischen Aspekt. Sie wird eine ganz private Angelegenheit.
Michel de Montaigne (1533-1592, französischer Philosoph zur Zeit der Renaissance und Reformation) beschreibt die Freundschaft als zutiefst emotionale und persönliche Erfahrung gegenseitiger Hingabe. Darin ist keine Verpflichtung auf eine gemeinsame Idee oder Moral enthalten. Wahre Freundschaft ist selten und mündet in ein „Er ist ich.“ Die gewöhnlichen Freundschaften werden wegen eines Vorteils geschlossen.
Thomas Hobbes (1588-1679, englischer Empiriker) erkennt nur mehr diese Nutzfreundschaft, denn die einzige Liebe, zu der ein Mensch fähig ist, ist die Selbstliebe. Persönlicher Nutzen motiviert zu den Handlungen und stellt die Grundlage aller Beziehungen her. Damit entfällt nun das Wohl des Freundes um seiner selbst willen. Freundschaft verschafft Macht durch die vereinte Kraft.
Tugend und gemeinsame Lebensentwicklung sind also in den Hintergrund getreten und vordergründig werden gemeinsame Gespräche und Geselligkeit. In Deutschland entwickelte sich in der Zeit der Aufklärung geradezu ein Kult um die Freundschaft.
Auch bei Immanuel Kant (1724-1804, deutscher Philosoph der Aufklärung) spielte die Moral unter Freunden keine Rolle mehr. Ihre Beziehung ist eine praktisch-notwendige Idee. Das „Maximum der Wechselliebe“ kann der egoistische Mensch nicht realisieren. Dagegen beschreibt er eine Freundschaft der Gesinnung, in der die Freunde sich uneingeschränkt austauschen, ohne etwas zu verhehlen. Kant gibt aber zu, dass Freundschaft die Tugend im Kleinen kultiviert, in dem sie Vertrauenswürdigkeit, Offenheit und Vertrauen lebt. Er sieht aber auch die Gefahren, dass der Freund die eigene Freiheit und Autonomie einschränken kann bzw. Unmoralisches erbittet oder gewährt.
Einen neuen Impuls erhält unser Thema in den 50er-Jahren durch die Ethik des guten Lebens. Das Gelingen des Lebens rückt ins Blickfeld und verdrängt rechthaberische und verstaubte Tugendethik. Damit kommt es auch zu einer Wiederbelebung antiker – insbesondere aristotelischer – Ethikauffassungen. Die Spannung zwischen Freundschaft und Moral sowie ihre politische Dimension wird wieder Gegenstand der Diskussion. Die Gefühlsdimension aber bleibt im Zentrum.

Ist nicht jeder sich selbst der beste Freund?
Eigenliebe heißt nicht, seinen Begierden zu dienen.
Wer von sich aber das Gerechte, Besonnene und Edle fordert,
gehorcht dem Besten in sich, seinem eigentlichen Selbst.


Aristoteles

Unsere Fragen an die Freundschaft

Wie viel Tugend und Wahrheit braucht oder verträgt die Freundschaft? Wie viel Freiheit muss ich gewähren, wenn mein Freund offensichtlich in sein Verderben rennt? Wie viel und was darf ein Freund von mir verlangen? Wie viel und was darf er geben? Und wo bleibe letztlich ich? – Die Antworten stehen in Relation zu dem Bild, das wir uns von der Freundschaft machen. Ist sie in die Ethik eingebettet wie etwa in der Antike, so braucht Freundschaft Tugend und Wahrheit, um überhaupt zu existieren. Sollte die Ehrlichkeit eine Freundschaft gefährden, dann gab es die Freundschaft in Wahrheit gar nicht. Kein Freund darf in diesem Konzept Unmoralisches verlangen oder leisten. Beides ist mit Freundschaft nicht vereinbar.
Siedeln wir allerdings die Freundschaft rein in die private Sphäre an und nimmt darin die Gefühlsebene einen immer größeren Raum ein, dann neigen wir zu allzu großer Parteilichkeit. Alles wird schwierig und unlösbar wie die eigenen Probleme in unseren eigenen Augen. Dann vergeben wir die Spiegelungschance der Freundschaft.

Das Vertrauen in einer Freundschaft kann auch grausam erscheinen. Wenn ich etwa am Boden zerstört und verzweifelt bin und mein Freund mir sagt: Ich vertraue dir, du schaffst das sicher. Aber sie kann auch meinen inneren Motor anwerfen, der eine Kraft besitzt, die wir heute größtenteils gar nicht kennen. Und was, wenn mein Freund mir nur sagt: ja! Du bist so arm. Dann ergeben wir uns beide der Ungerechtigkeit der Welt.
Wir sind alle zu individuellen und freien Wesen geworden, aber in dieser neuen Rolle haben wir auch viele Ängste. Daher müssen wir unser Ego schützen und mit allen möglichen Mitteln verteidigen. Wir dürfen anderen nicht zu viel helfen, wir müssen Nein sagen lernen, wir müssen unsere Entscheidungsfreiheit mit Zähnen und Klauen verteidigen, auch wenn wir dabei gegen eine Wand rennen. Macht nichts, wenn wir daraus etwas lernen. Zum Beispiel, dass es nichts Schöneres gibt, für andere etwas Gutes zu tun.
Und bei all der komplementären Darstellung der verschiedenen Freundschaftskonzepte in der Geschichte dürfen wir auch nicht vergessen, dass die antike Tugendethik „trotzdem“ voller Gefühle war. Da gab es nicht nur moralische Pflicht. Allerdings verstand man ein tugendhaftes Leben als das genussreichste Leben, weil damit die Sehnsucht der Seele gestillt wurde. Wir haben die Begriffe zerlegt und zerteilt in ihre Bestandteile und müssen sie nun auch wieder zusammenfügen. Wir können auch nicht an einen bestimmten Punkt in der Geschichte zurückgehen und dort neu anfangen. Aber wir können Fragen stellen und Antworten in Geschichte und Gegenwart suchen, um eine neue Freundschaft für die Zukunft zu bauen.

Ein Freund ist ein Mensch, der die Melodie deines Herzen kennt
und sie dir vorspielt, wenn du sie vergessen hast.

Unbekannt

Die Herausforderung unserer Zeit

Wir haben unsere Individualisierung und unsere Freiheit zum Preis einer moralischen und politischen Orientierungslosigkeit erkauft. Das zeigt sich in der Privatisierung der Freundschaft und deren Loslösung aus dem moralischen Rahmen. Wie gut täte uns heute der Zusammenschluss von kulturell gefestigten Menschen in einer durch Gemeinsinn zusammengehaltenen Wertegemeinschaft. John Ralws (1921 – 2002, amerikanischer Philosoph) schreibt der Freundschaft die Fähigkeit zu, eine politisch gerechte Gemeinschaft zu vereinen. Die Anerkennung der Gerechtigkeit knüpft Freundschaft zwischen den Menschen – inmitten aller verbliebenen Gegensätze. Gerade unsere pluralistische Gesellschaft braucht wieder die politisch-kollektive Dimension der Freundschaft. Sie führt uns zu zivilem Engagement in der Gesellschaft, zum selbst verpflichteten Volunteering, zu Rücksichtnahme, Empathie, Großzügigkeit und Vertrauen. Wir brauchen heute nicht nur Loyalität, sondern Kooperation, Gemeinsinn und gesellschaftliche Verantwortung. Diese Eigenschaften werden heute auch durch Begriffe wie Bürgerfreundschaft oder global citizenship umschrieben. Lassen wir uns also vom antiken und kollektiven Freundschaftskonzept inspirieren. Haben wir Mut, unser Ego ein wenig zu riskieren und wir werden sehen, wie viel wir alle dadurch gewinnen.

Dieser Artikel von Katharina Lücke erschien erstmals in der Ausgabe Nr. 143/2016 des Magazins Abenteuer Philosophie; mit freundlicher Erlaubnis des Verlags Filosofica;
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